Hope Solo: eine Frau, die Grenzen sprengt

7. November 2018 | von

Wenn Frauen Fußball spie­len, ist das für manche immer noch ein zu wenig damen­hafter Zeitvertreib. Ein Ball am weib­lichen Fuß? Das war, unglaublich aber wahr, vom Deutschen Fußball­bund zwis­chen 1955 bis zum 30. Okto­ber 1970 tat­säch­lich offiziell ver­boten. „Kurze Höschen, möglichst eng“ – das wäre doch trikot­mäßig was Tolles für die Fußbal­lerin­nen, wün­schte sich zumin­d­est Joseph Blat­ter vor nicht allzu langer Zeit. So sollte das Spiel für Spon­soren attrak­tiv­er wer­den, warb der Präsi­dent des Fußball­weltver­bands. Zum Glück scheit­erte der „Sepp“ mit sein­er Schnap­sidee. Die Frauen hat­ten keine Lust, der Alther­ren­fan­tasie zu entsprechen.
Blat­ter war jedoch nicht alleine mit seinem rück­ständi­gen Denken. Als die deutschen Fußbal­lerin­nen 1989 die Europameis­ter­schaft gewan­nen, erhiel­ten sie vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) als Prämie ein Kaf­feeser­vice. Die Funk­tionäre offen­barten damit nicht nur eine reak­tionäre Hal­tung, son­dern auch noch ihren Geiz: Das weiße Porzel­lan mit zarten blauen und roten Blüten, ins­ge­samt 41 Teile, war nur zweite Wahl.

Heutzu­tage ist so etwas undenkbar. Der Frauen­fußball hat sich endlich etabliert, Muf­figkeit und Bevor­mundung sind raus. Leis­tung zählt wie auch bei den Her­ren der Schöp­fung. Bei der Welt­meis­ter­schaft in Kana­da, die gestern mit einem 5:2‑Finalsieg der USA gegen Japan zu Ende ging, stach eine Spielerin her­aus, der man dur­chaus zutrauen würde, auch mal mit Kaf­fee­tassen und Kuchen­tellern um sich zu wer­fen: Hope Solo. Die US-Amerikaner­in wurde erst­mals Welt­meis­terin, zudem zur besten Torhü­terin des Turniers gewählt. Solo ist eine sen­sa­tionelle Spielerin, schw­er zu bezwin­gen und mit einem unbändi­gen Willen. Ihre Aggres­siv­ität kommt nicht von unge­fähr. Die 33-Jährige, die für den Klub Seat­tle Reign spielt, stammt aus sehr schwieri­gen Ver­hält­nis­sen. „White trash“ sagen die Amis dazu – weißer Abschaum.

Hope Solo

©gettyimages/Stuart Franklin — FIFA

Gezeugt wurde Solo, als ihre Mut­ter den Vater im Gefäng­nis besuchte. Die Ehe scheit­erte später, Solo hielt auch nach der Tren­nung den Kon­takt zu ihrem häu­fig krim­inellen Erzeuger. Der Hochsta­pler lan­dete immer wieder im Knast, lebte nach der Ent­las­sung als Obdachlos­er. Da ver­loren sich Vater und Tochter aus den Augen.

Solo ging ans Col­lege, sie hat­te riesiges Tal­ent. Eines Tages fand sie ihren Vater wieder. Es war ein großer Zufall, vielle­icht auch Fügung. Jeden­falls lud Solo ihren Vater zu Spie­len ein. Die Teamkol­legin­nen fan­den das weniger gut. „Was will der Pen­ner hier?“, fragte eine. Solos Antwort: „Das ist mein Vater.“ Lei­der gibt es kein Hap­py End­ing. Kurz vor Solos erstem Län­der­spiel als Stamm­torhü­terin der USA stirbt ihr Vater an einem Herz­in­farkt. Eigentlich sollte er in New York live dabei sein. In ihrer Biografie „Solo: A mem­oir of Hope“ fand sie rührende Worte für den Ver­stor­be­nen. „Er hat mich mit Liebe über­schüt­tet, er wusste ein­fach nur nicht, wie man ein Ehe­mann oder Vater oder ein ver­ant­wor­tungs­be­wusstes Mit­glied der Gesellschaft ist.” Solo selb­st entspricht eben­falls nicht den bürg­er­lichen Vorstel­lun­gen viel­er Amerikan­er. Alko­hol-Exzesse, Prügeleien, immer wieder Ärg­er mit der Polizei. Zulet­zt Anfang dieses Jahres. Der Ver­band sper­rte sie für 30 Tage. Doch das ist nur die eine Seite. Die andere ist die ein­er sich zutief­st nach Har­monie und Zunei­gung sehnen­den Thir­tysome­thing-Frau, deren Herz min­destens so groß ist wie ihre Klappe. Soul XXL. Für US-Sen­a­tor Richard Blu­men­thal spielt Solos tiefe Zunei­gung zu ihrem Vater und das öffentliche Ein­treten für diesen keine Rolle.

Der Vertreter des Bun­desstaates Con­necti­cut sieht in Solo einzig und allein ein schlecht­es Vor­bild. Deshalb forderte Blu­men­thal sog­ar, Solo aus dem US-Nation­al­team zu wer­fen. „Sie weit­er­hin zwis­chen die Pfos­ten zu stellen, wenn sie bald wegen häus­lich­er Gewalt vor Gericht ste­ht, wirft schw­er­wiegende Fra­gen über den Zus­tand des Fußballs in Ameri­ka auf.“ Doch Solo spielte nach abge­laufen­er Sperre weit­er für die Auswahl ihres Lan­des – und wie. Die Welt-Torhü­terin (2012 und 2013) und Olympiasiegerin (2008 und 2012) trug entschei­dend dazu bei, dass die Amerikaner­in­nen zum drit­ten Mal den WM-Titel holten. Die Pop­star-Fußbal­lerin, die trotz ihrer vie­len Eska­paden etliche gut dotierte Wer­bev­erträge hat, dürfte in den kom­menden Wochen wieder die Schlagzeilen bes­tim­men. Dabei wird es ver­mut­lich aber weniger um ihre sportliche Klasse gehen, son­dern um ein Gerichtsver­fahren. Solo soll ihre Halb­schwest­er und ihren Nef­fen tätlich ange­grif­f­en haben. Sie stand dabei nach Aus­sagen ihrer Ver­wandten unter Alko­hole­in­fluss. Solo bestre­it­et die Vor­würfe. Die Beru­fung ste­ht Mitte Juli an.

Über den Vor­fall im Juni 2014 spricht sie ohne­hin nicht öffentlich. Nur so viel ließ sie jüngst ver­laut­en: „Was ich Euch sagen kann ist, dass ich momen­tan am besten Punkt meines Lebens angekom­men bin – sowohl auf als auch neben dem Platz.“

Wir wün­schen es ihr von Herzen.

Artikel­bild: ©gettyimages/Ronald Mar­tinez

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