Wenn Diäten
jedes Gespräch
bestimmen: Diet Talk

3. März 2021 | von

Im Grunde hören wir es über­all: im Fernse­hen, auf Social Media, in Mag­a­zi­nen, beim Friseur, auch im Super­markt oder beim Arzt. DIET TALK ist ein ständi­ger Begleit­er! Aber was genau bedeutet das über­haupt und warum ist das so belastend?

Es ist lei­der ein all­ge­gen­wär­tiges Ver­hal­ten in unser­er Gesellschaft, sich über die Kör­per­fülle zu definieren, und Nahrungsmit­teln moralis­chen Werten zuzuord­nen. Essen wird in gut oder schlecht unterteilt und Let­zteres löst in den Men­schen oft neg­a­tive Gefüh­le aus. Schuldge­füh­le und/oder Reue in Kom­bi­na­tion mit Lebens­mit­teln ist keine Sel­tenheit. Dazu kommt der Diet Talk, der immer wieder laut aus­ge­sprochen wird und alle Men­schen drumherum mit weit­eren Schuld- oder Reuege­fühlen kon­fron­tiert. Zum Diet Talk gehören all die kleinen Äußerun­gen, die sich um das The­ma Gewicht, Abnehmen und schlechte Lebens­mit­tel drehen. Auf­fäl­lig dabei: Vor allem eigentlich schlanke Men­schen beschäfti­gen sich mit diesen The­men und brin­gen sie immer wieder auf den Tisch. Manch­mal macht es den Ein­druck, als hät­ten einige Leute gar kein anderes The­ma mehr.

Dick sein heißt nicht, kaputt sein 

Die manch­mal nur unter­schwelli­gen Bemerkun­gen tra­gen dazu bei, dass bes­timmte Lebens­mit­tel all­ge­mein als schlecht gel­ten und reduzieren den Men­schen, der sich nicht damit auseinan­der­set­zt, auf sein Gewicht und seine Igno­ranz. Es wird ver­mit­telt, dass dieses Übergewicht, ob wenig oder viel, ein Makel ist, der repari­ert wer­den muss. Diese Reparatur soll durch Kalo­rienre­duzierung und Bewe­gung in ein „besseres Leben“ führen. Wenn eine dicke Frau oder ein dick­er Mann von selb­st das Bedürf­nis hat, seinen Kör­p­er in dieser Form zu verän­dern, ist es abso­lut nichts Schlimmes. Doch wenn dieser dicke Men­sch dieses Bild gar nicht vor Augen hat, bekommt er diese unter­schwellige Botschaft von außer­halb, sich schlecht zu fühlen, weil er ger­ade etwas isst, was gegen die Regeln des Abnehmens ver­stößt oder weil seine ober­ste Pri­or­ität nicht die ist, Gewicht zu ver­lieren und sich zu “repari­eren”. Diese Form des gesellschaftlichen Drucks existiert in Mag­a­zi­nen und Fernse­hen schon ewig. Genau­so wie im Inter­net und Social Media, aber auch das nähere Umfeld ist davon so bee­in­flusst, dass häu­fig aus Social Events Ernährungs­ber­atun­gen und Selb­sthil­fe­grup­pen wer­den. Diet Talk begeg­net uns in vie­len All­t­agssi­t­u­a­tio­nen und es sind häu­fig Sätze, die jed­er nutzt. Es sind Sätze, die beiläu­fig fall­en, aber die sich schlicht und ergreifend neg­a­tiv auf das eigene Kör­perge­fühl auswirken.

Erfahrungen mit Diaeten bei starkem Uebergewicht

Beispiele für Diet Talk im Alltag 

  • Ein All­t­ags­beispiel aus dem Büro: Die Kol­le­gin isst ein Stück von dem leck­eren Kuchen, den jemand zur Feier des Tages mit­ge­bracht hat, und stöh­nt dann gequält: „Ich füh­le mich so fett!” Das Wort FETT ist kein Gefühl, son­dern eine Beschrei­bung. In der Gebrauchs­form der Kol­le­gin aber bedeutet es nichts anderes als „Ich füh­le mich schlecht/ekelig”. Was für Men­schen mit Übergewicht im näheren Umfeld der Kol­le­gin nicht die angenehm­ste Form ist, zu sagen, dass sich jemand nicht gut fühlt. Es ist respek­t­los gegenüber anderen und auch sich selbst.
  •  Eine Belei­di­gung getarnt als Kom­pli­ment: “Du bist nicht dick, du bist wun­der­schön!” Das ver­meintliche Kom­pli­ment ist in Wirk­lichkeit eine Belei­di­gung. Was sich daraus schließen lässt? Dass übergewichtig zu sein das Gegen­teil von Schön­heit ist. Dick gle­ich hässlich! Dick ist nicht schön! Ähm, nein, dahin­ter gehört kein Danke. Dahin­ter gehört ein „ICH BIN DICK UND SCHÖN. PUNKT.“
  •  Unge­fragte Diät-Tipps: Aber am schlimm­sten sind ja auch noch die Per­so­n­en, zu denen wir keine per­sön­liche Verbindung haben. Wie die Friseurin let­ztens, die ein­fach das Gespräch gesucht hat, indem sie mich auf eine tolle Diät aufmerk­sam machen wollte, mit der ihre Cou­sine so viel abgenom­men hat. Sie ging ein­fach davon aus, dass ich unglück­lich bin, abnehmen möchte und sie mir einen tollen Tipp ver­rat­en kann. Nein, ein­fach nein! Ich will mir die Haare schön machen lassen und mit einem tollen Gefühl den Salon ver­lassen und mich nicht schlim­mer fühlen, weil ich offen­bar nicht richtig bin.
Essen als Uebergewichtige genießen

Wie geht man mit Diet Talk um? 

Ernährungs­ge­spräche und ständi­ge Selb­stkon­trolle in Bezug auf Lebens­mit­tel sind der Beginn ein­er nicht enden­den Schleife, mit der so viele Frauen gel­ernt haben, umzuge­hen. Aus den völ­lig falschen Grün­den. Das müssen wir aber nicht. Es ver­schwen­det unsere kost­bare Zeit und Energie. Es ist unhöflich und ver­let­zend für alle — beson­ders aber für viele Frauen mit Essstörun­gen und wenig Selb­st­wert­ge­fühl. Diäten haben sel­ten das Ziel, eine gesunde Beziehung zum Essen zu fördern. Sie führen meis­tens zu schlechteren Ess­ge­wohn­heit­en, besiegelt durch den JoJo-Effekt und dem Gefühl des Scheiterns.

Diese Gespräche sind pures Gift für unser Selb­st­wert­ge­fühl, deswe­gen folge ich ein­fachen Regeln und ver­suche, diesen ganzen Diet Talk aus dem Weg zu gehen oder ihn im besten Fall zu been­den. Wie man das schafft? Zum einen ver­mei­de den Kon­takt mit Per­so­n­en, die dafür sor­gen, dass du dich schlecht fühlst. Denn es gibt sie immer wieder. Die eine Tante, die bei jedem Fam­i­lien­tr­e­f­fen erneut die Rat­ge­ber-Keule rausholt und vor ver­sam­melter Mannschaft dein Essver­hal­ten kom­men­tiert. Aber es gibt diese Per­so­n­en nicht nur im realen Leben, son­dern auch auf Social Media. Men­schen, die ein­fach immer wieder drauf rum­re­it­en, dass sie 1,5 kg zugenom­men haben und einen Per­son­al Train­er deswe­gen auf­suchen müssen. In solchen Fällen ist es ganz ein­fach: Ent­folge Seit­en und Kanälen, die dich schlecht fühlen lassen. Im realen Leben ist Wis­sen immer Macht. Hin­ter­frage und sei auch gerne kri­tisch, öffne deinen Bekan­nten die Augen und erk­läre, warum die Kohlrübendiät nicht funk­tion­iert. Bei beratungsre­sisten­ten Men­schen soll­test du entwed­er ein­fach wegge­hen oder beende das Gespräche mit Sätzen wie:

  • „Es gibt so viel bedeut­samere Dinge, über die wir in unser­er kurzen Zeit sprechen kön­nen. Was machst du am Wochenende?“
  • „Ich fokussiere mich nicht auf die Kalo­rien bei meinem Essen, damit füh­le ich mich besser.“
  • „Wenn deine Diät dafür sorgt, dass du dich bess­er fühlst, dann tu es, aber ich möchte jet­zt nur die Zeit mit dir genießen und nicht über Diäten sprechen.“

Du hast die Macht und die Wahl. Du kannst aktiv entschei­den, ob du diese Art von Gesprächen in deinem Leben möcht­est. Bist du zufrieden mit dir und deinem Köper, dann lass es dein Umfeld wis­sen. Mach das, was dich glück­lich macht. Sag Nein zum Diet Talk und seinen Regeln, die in Wirk­lichkeit nur pseu­do-für­sor­gliche Moral­predigten sind. 

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