Dicksein und Schuldgefühle

20. August 2020 | von

Dicke fühlen sich oft schuldig – Schuld am eige­nen Gewicht, Schuld an der eige­nen Undiszi­plin­iertheit. Wir zeigen, warum dieses Denken krank macht und was sich ändern muss.

Schuldgefuehle weil man dick ist

Dick­sein und Schuld — das sind zwei Begriffe, die für mich ganz eng zusam­men gehören. Auf der einen Seite das Stig­ma „Dicke sind selb­st Schuld, dass sie so dick sind“. Ander­er­seits die Schuld, die wir empfind­en, weil wir es nicht schaf­fen, abzunehmen und die Erwartun­gen der Gesellschaft zu erfüllen.

Wir Dicken haben mangels Disziplin versagt

Die Fak­toren, die unser Gewicht bee­in­flussen, sind vielfältig. Psy­chis­che, aber auch genetis­che, biol­o­gis­che und Umwelt­fak­toren tra­gen dazu bei, dass ein Men­sch dick wird. Obwohl ich das hier immer wieder erk­läre, wird am Ende in den Face­book-Kom­mentaren erneut ste­hen: „Wer abnehmen will, kann auch abnehmen!“, „Das sind alles nur Ausre­den, ihr seid ein­fach nur zu faul und undiszi­plin­iert.“ Gern gekrönt von einem „Ich weiß, wovon ich rede, ich war selb­st mal dick.“ Dicke stren­gen sich also ein­fach nur nicht genug an, denn son­st wären sie ja nicht dick. Wild­fremde Men­schen meinen, meinen Kör­p­er beurteilen zu dür­fen. Bei eini­gen Frauen erhöht es offen­sichtlich den Selb­st­wert, wenn sie anderen die Schuld für etwas geben, das sie als neg­a­tiv wahrnehmen. Sie pro­jizieren ihre Angst vorm Dick­sein auf mich, weil ich ein Spiegel­bild dessen bin, was sie wer­den kön­nten oder ein­mal waren. Aber sie haben sich ja unter Kon­trolle. Im Gegen­satz zu mir. Als wäre Dick­sein eine bewusste Entschei­dung — als hät­ten dicke Men­schen Spaß an der täglichen Diskriminierung.

Das quälende Gefühl der Unzulänglichkeit

Das, was andere über einen sagen, kann man nicht ignori­eren — auch wenn man eine starke Per­sön­lichkeit hat. Belei­di­gun­gen gehen nie acht­los an jeman­dem vor­bei. Prob­lema­tisch wird es, wenn man sich dann selb­st her­ab­würdigt und beschuldigt. Wenn Dicke das Stig­ma für sich annehmen und das neg­a­tive Fremd­bild zum Selb­st­bild wird, hat das bedrohlichen Fol­gen für die Psy­che. Die Wahrschein­lichkeit, eine Depres­sion oder Angst­störung zu entwick­eln, steigt. Ein neg­a­tives Selb­st­bild macht aber auch kör­per­lich krank. Das Risiko, am Metabolis­chen Syn­drom (Kom­bi­na­tion ver­schieden­er Risiko­fak­toren wie Bluthochdruck, erhöht­es LDL-Cho­les­terin, Dia­betes) zu erkranken, ist dreimal so hoch wie für selb­st­be­wusste Dicke. Wäre es da nicht bess­er, dicke Men­schen seel­isch zu ent­las­ten, als sie weit­er­hin zu stigmatisieren?

Schuldzuweisung und Selbsthass sind nicht die Lösung

Gewichts­diskri­m­inierung fördert nicht den Gewichtsver­lust, sie ver­schlim­mert eher die Gewicht­szu­nahme. Stress­reak­tio­nen auf Diskri­m­inierung kön­nen den Appetit steigern. Die Scham, in der Öffentlichkeit Sport zu treiben, führt zu Bewe­gungs­man­gel. Die Gesellschaft muss ler­nen, dick­en Men­schen bew­er­tungs­frei, respek­tvoll und wertschätzend gegenüber zu treten. Und wir Dick­en müssen aufhören, unsere Kör­p­er zu has­sen. Wir müssen ler­nen unsere Kör­p­er anzunehmen, sie liebevoll zu ver­sor­gen und uns selb­st zu lieben.

Letzte Kommentare (1)

Kommentar schreiben: Werde aktiv und rede mit!

Anja
Donnerstag, 27. August 2020, 15:36 Uhr

Liebe Con­ny, ich kön­nte dich umar­men für Deine tollen Texte🥰! Lieben Dank dafür! Ich bin dick und trage ein Sauer­stof­fgerät. Ursache:Herz OP + Lunge. Aber laut einem Arzt bin ich zu dick und hab gefäl­ligst abzunehmen. Werd wieder­lich behan­delt von dem, weil am Gewicht kann man ja wohl was verän­dern, meint er. Weniger Essen, mehr Bewe­gung ist seine Devise. Das es nicht so ein­fach ist, wis­sen wir ja selb­st😏. Ist man krank, ist man ja wohl selb­st an sein­er Sit­u­a­tion ver­ant­wortlich, schließlich kön­nte man ja abnehmen und alles wäre viel bess­er! Hüstl… Zusät­zlich hab ich noch eine kom­plexe PTBS, aber das zählt ja alles nicht. Man ist nur selb­st Schuld an seinem eige­nen Schla­mas­sel 🤷‍♀️. Liebe Grüße von Anja