Warum sagen wir so ungern dick?

31. Januar 2020 | von

Plus-Size-Frauen mit Selb­st­be­wusst­sein sind mit­tler­weile zum Glück nicht sel­ten. Trotz­dem ver­mei­den sie oft ein Wort, wenn es darum geht, ihre Fig­ur zu beschreiben: dick. Warum?

Selbstakzeptanz durch offene Sprache

Eigentlich mögen wir uns doch, wir dick­en Frauen. Wir akzep­tieren uns, wie wir sind, zeigen unsere Pfunde und Kilos. Wir bestärken uns gegen­seit­ig und find­en uns schön. Ja, wir sind auf dem richti­gen Weg, Kör­per­form und Klei­der­größe aus dem Maßstab für Schön­heit zu ver­ban­nen. Eigentlich. Denn ein Detail fehlt noch: Warum nen­nen wir Dick­en uns eigentlich so ungern dick?

Alles, außer dick

Tat­säch­lich ist mir das erst vor einiger Zeit so richtig aufge­fall­en: Wir Dick­en ver­mei­den das Wort dick, so gut wir kön­nen. Plus Size, curvy, kurvig, pum­melig, rundlich, Hüft­gold – all diese Vok­a­beln sind in unserem Wortschatz vorhan­den und ver­ankert. Nur dick – das fehlt. Das sagen wir nicht. Warum eigentlich? Dick ist doch nur das Gegen­teil von schlank oder dünn, es ist an sich kein Schimpf­wort und es muss uns auch nicht pein­lich sein, zu sagen „Ich bin dick.“ Ist es aber offenbar.

Dick und selbstbewusst

Amerikanische Vorbilder

Die Amerikaner­in­nen sind da anders drauf. Selb­st­be­wusster? Ja, vielle­icht! „Fat“ ist dort auf jeden Fall ein gängiges Adjek­tiv für Frauen, die mehr oder weniger stark übergewichtig sind. Mehr noch: „Fat“ beschreibt auch die Com­mu­ni­ty von dick­en Frauen und Män­nern und drückt nicht nur Gemein­samkeit, son­dern auch ein Gemein­schafts­ge­fühl aus.

Warum das in Deutsch­land anders ist? Ich weiß es nicht. Ver­mut­lich, weil wir bei Trends immer hin­ter­her­hinken, so eben auch beim The­ma Plus Size – sor­ry: dick. Während wir in Deutsch­land immer noch dabei sind, uns von jahrzehn­te­langer Indok­tri­na­tion gängiger Schön­heit­side­ale („Nur schlank ist schön!“) zu erholen, haben dicke Amerikaner­in­nen und Amerikan­er schon längst ein neues Selb­st­be­wusst­sein aufge­baut. Und das heißt konkret: „I am fat – so what!“ In Deutsch­land hinge­gen trauen wir uns bis­lang nicht mal, uns als das zu benen­nen, was wir sind: dick.

ich bin dick

Schockierte Reaktionen

Kür­zlich habe ich die Probe aufs Exem­pel gemacht und mich vor Fre­undin­nen als dick beze­ich­net. Die Res­o­nanz war beze­ich­nend: Ich wäre doch nicht dick, nur ein biss­chen kurvig. Ja, ich hätte ein biss­chen mehr auf den Hüften und am Bauch auch. Aber dick? Nev­er ever!

Ich denke, es würde die Body-Pos­i­tivy-Bewe­gung um einiges voran­brin­gen, wenn wir uns endlich trauen wür­den, Klar­text zu reden und auf verniedlichen­des Vok­ab­u­lar zu verzicht­en. Denn: Dick ist dick. Und das ist auch abso­lut okay so! Ich will auf jeden Fall in Zukun­ft nicht mehr Hüft­gold sagen, wenn ich dick meine. Dieses Selb­st­be­wusst­sein haben wir Dick­en uns schon lange ver­di­ent. Und wir soll­ten uns endlich auch trauen, dazu zu ste­hen, was wir sind: dick.

Eines ist sich­er: Sprache formt Bewusst­sein. Das bedeutet: Als Dicke wer­den wir erst dann in der Gesellschaft wirk­lich akzep­tiert wer­den, wenn wir es schaf­fen, unsere eigene Ver­mei­dung­shal­tung abzule­gen! Von daher: Trau dich, dick zu sein. Nicht curvy.

Was denkst du, warum wir das Wort dick oft meiden?

Letzte Kommentare (6)

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Flocke
Mittwoch, 14. Oktober 2020, 15:54 Uhr

Der Bericht bringt das The­ma sehr gut auf den Punkt. Die Herumeierei oder die Umschrei­bung ist doch Quatsch . Wer als Dicke oder Dick­er zu seinem Kör­p­er ste­ht , der hat mit dem Wort auch gar kein Prob­lem . Meine Frau ist dick und das ist gut so !

Tina
Sonntag, 23. August 2020, 21:04 Uhr

Mit dem Wort „dick“ wird nur neg­a­tives ver­bun­den. Wer dick ist ist kurzat­mig, kann sich nicht bewe­gen, schwitzt bei jed­er Bewe­gung und Tem­per­atur, ist lethar­gisch, stopft Essen gierig in sich hinein und ken­nt kein Maß, hat keine Fig­ur,… Wer curvy ist hat die Kilos an den soge­nan­nten richti­gen Stellen und eine San­duhrfig­ur. Alles ist trotz­dem schön straff und von Dop­pelkinn keine Spur. Das ist übri­gens das Bild, dass die auf Dicke spezial­isierte Bek­lei­dungs­branche in ihren Kat­a­lo­gen mit ihren Mod­els vermittelt.

Gabi
Mittwoch, 18. März 2020, 22:43 Uhr

Der Begriff ist lei­der bei so vie­len mit schlecht­en Gefühlen und Erin­nerun­gen behaftet. Ger­ade bei der Gen­er­a­tion 40+ war es doch so, dass “dick” sein, ein absoluter Makel war. Spon­tan fall­en mir ein Schmäh­lied und ein Pix­iebuch ein, welche meine Mut­ter!! mir immer vorlas:
Eine kleine Dick­madam fuhr mal mit der Eisen­bahn. Eisen­bahn die krachte, Dick­madam die lachte…usw. und das Buch vom kleinen Schweinchen, dass so dick wurde, dass seine Knöpfe von der Jacke flo­gen und alle es aus­gelacht haben. Wenn mich das auf dem Weg zu einem dün­nen ich begleit­en sollte muss ich sagen, das ist gründlich schief gegan­gen. Ich weiß noch heute, wie ich jedes Mal am lieb­sten vor Scham im Boden ver­sunken wäre.…
Daher bleibe ich bei pum­melig, curvy oder mop­sig. Liebe Grüße!

Petra
Montag, 9. März 2020, 11:24 Uhr

Dick hat in meinem Leben etwas abw­er­tendes gehabt. Schon als Teenag­er mit knapp 65 kg hörte ich von mein­er Mut­ter, dass ich viel zu dick sei, das hat sich später so fort­ge­set­zt. Es war Syn­onym dafür, dass man nicht genügte.

Annea
Montag, 10. Februar 2020, 18:36 Uhr

Nun ja, warum sagen wir nicht “dick”? Ich denke, uns sind die Euphemis­men lieber: kurvig resp. curvy … in der Gen­er­a­tion mein­er Mut­ter hieß das “vollschlank”. Wir ver­hüllen gerne unsere Pfunde und nen­nen uns was auch immer, nur nicht das, was wir sind: dick oder fett. Im Arzt­brief nach meinem Kranken­hausaufen­thalt stand “adipös”. Die Wahrheit ist immer unbequem.

SuLa
Samstag, 1. Februar 2020, 11:34 Uhr

Dick … das war in meinem 55-jährigem Leben immer die Beze­ich­nung für einen Makel, „dünn“… das war das Ziel, so wurde ich erzogen.
Es hat sehr lange gedauert mein Ziel auf „glück­lich“ zu drehen