Alltägliche
Ängste, die uns Übergewichtige quälen

5. Juni 2019 | von

Unheim­liche Begeg­nun­gen, tiefe Abgründe oder krabbel­nde Tierchen — wir alle haben Äng­ste. Einige sind leicht zu über­winden, andere sitzen tief und dann gibt es diejeni­gen, die nur dicke Men­schen haben. Nur dicke Men­schen? Gibt es so etwas über­haupt? Ja, es gibt sie wirk­lich. Hast du dich nicht schon mal gefragt, ob du mit deinen speziellen Äng­sten alleine bist? Unter meinen dick­en Fre­undin­nen gibt es einige Sit­u­a­tio­nen, die wir alle gle­ich wahrnehmen, die wir gle­ich erlebt haben und die uns in Angst ver­set­zen. Genau darüber möchte ich heute schreiben.

Die Angst vorm Aufzug 

Eine der Äng­ste, die ich unter meinen dick­en Fre­undin­nen am häu­fig­sten erlebe, ist das übliche durchrech­nen im Aufzug. Du stehst im Lift und es steigen in jed­er Etage mehr Men­schen ein. Ein schneller Blick auf die Tafel, auf der die max­i­mal zuge­lassene Kilo­angabe ste­ht, die der Aufzug tra­gen kann, und schon rechnen wir durch, ob wir lebend im 6. Stock ankom­men oder der Grund eines Absturzes sein wer­den. Der Aufzug bringt noch eine weit­ere Angst und viele damit ver­bun­dene, unan­genehme Gefüh­le bei Übergewichti­gen her­vor. Der Moment des Ein­stiegs, wenn sich der Aufzug erst mal ein ganzes Stück absenkt. Alle star­ren dich (vor­wurfsvoll) an. Du bekommst ein mul­miges Gefühl und dann kommt er wieder, der heim­liche Blick auf die Tafel mit der Tra­glas­tangabe. Ich kann dich beruhi­gen, es liegt an der Hydraulik und nicht an dir. Auch bei anderen, schlankeren Men­schen passiert es. Trotz­dem ist der erste Gedanke „Oh, oh”. Kommt dir das bekan­nt vor? Dünne Men­schen machen sich über so etwas wahrschein­lich keine Gedanken, deshalb ist es für mich eine der Äng­ste, die nur Dicke ken­nen. 

Die Angst vorm Stuhl 

Ein weit­eres Beispiel ist der Stuhl. Aben­dessen mit dem Lieb­sten, Cock­tails mit den Fre­undin­nen oder Kaffee und Kuchen mit Oma — eines haben alle drei Sit­u­a­tio­nen gemein­sam: die Angst vor dem Stuhl. Der Stuhl birgt gle­ich mehrere Äng­ste. Zunächst haben wir die pseudo­gemütliche Arm­lehne, die dazu gemacht wurde, um schlanken Men­schen die Möglichkeit zu geben, ihre Arme darauf bequem abzule­gen. Für meinen bre­it­en Booty bedeutet sie aber, mich unsan­ft rein­quetschen zu müssen und dann etliche Stun­den damit zu ver­brin­gen, dem Druck der Lehnen auf meine Schenkel standzuhal­ten. Dazu die schmale Sitzfläche und die Angst, nicht mehr ohne viel Aufmerk­samkeit auf sich zu ziehen daraus auf­ste­hen zu kön­nen. Dann haben wir noch die super-schick­en, min­i­mal­is­tis­chen Stüh­le aus ultra­dün­nem Mate­r­i­al, die schon beim Gedanken, darauf zu sitzen, in sich zusam­men­brechen. Und sprechen wir erst gar nicht von Kino- oder The­aterbestuh­lung… Aber wenn wir schon mal beim The­ma „Sitzen“ sind: Wann saßt du zum let­zten Mal in ein­er Achter­bahn neben dein­er schlanken Fre­undin und hast gehofft, dass der Bügel weit genug run­terge­ht, damit du nicht gedemütigt weggeschickt wirst?  

Die Angst vor dem Arzt 

Eine weit­ere, schlimme Angst, die ich mit meinen dick­en Fre­undin­nen teile, ist der Besuch beim (Fach-)Arzt. Immer wieder schwingt dieses unan­genehme Gefühl mit, nicht ern­stgenom­men zu wer­den oder in ein „Dick sein ist nicht gesund“-Gespräch ver­wick­elt zu wer­den. Die Wehwe­hchen wer­den alle­samt auf das Gewicht geschoben und oft (lei­der viel zu oft) ein­fach nicht genauer angeschaut, sodass häu­fig Schmerzen viel länger hin­genom­men wer­den, als es sein müsste und sollte.

Was tun gegen die Ängste? 

Jede dieser Äng­ste habe ich selb­st schon viele Male durchgemacht und alle meine dick­en Fre­undin­nen genau­so, wie ich bei etlichen Gesprächen fest­stellen kon­nte. Wie du unschw­er erken­nen kannst, han­delt es sich bis auf das let­zte Beispiel weniger um generelle Äng­ste, son­dern um die konkrete Angst vor ein­er Bla­m­age, die sich auf deine Größe oder dein Gewicht bezieht. Ganz oft gehe ich ein­fach diesen Sit­u­a­tio­nen aus dem Weg. Ver­suche Loca­tions mit “schlanker” Bestuh­lung zu ver­mei­den oder steige erst gar nicht in die Achter­bahn ein. Hier gewin­nen meine Äng­ste, aber das soll­ten sie nicht. Ich sollte mich ihnen stellen. Das muss man aber erst ler­nen. Im Aufzug rechne ich zwar immer noch durch, ich weiß aber mit­tler­weile, dass es immer eine Tol­er­anz­gren­ze gibt und die meis­ten Aufzüge erst gar nicht starten, wenn sie über­laden sind. 

Wie kann man Ängste besiegen

Hier ist Mias Look zum Nachstylen:

Der Umgang mit der jew­eili­gen Sit­u­a­tion ist hier am wichtig­sten und da muss jed­er den für sich besten Weg find­en. Entwed­er du bist mutig und tust ein­fach, worauf du Lust hast und lachst auch gerne mal über dich selb­st, oder du übst beängsti­gende Sit­u­a­tio­nen in einem sicheren Umfeld, um dir selb­st allmäh­lich die Angst zu nehmen. Auch im „schlimm­sten“ Fall gilt immer: Hin­fall­en, Kro­ne richt­en und weit­erge­hen. Du darf­st auch ein Tränchen dabei vergießen, aber lass es dann nicht weit­er an dich ran. Das habe ich auch schon selb­st an mir getestet und bin mit der Zeit erfol­gre­ich gewor­den. Auch wenn es zunächst schwierig ist, denk immer daran: Nie­mand ist fehler­frei! Wichtig ist, zu sich zu ste­hen und sich nicht von seinen Äng­sten bes­tim­men zu lassen und dadurch let­z­tendlich viel zu viel zu verpassen.

Wie trittst du deinen Äng­sten ent­ge­gen und wovor hast du Angst?

Letzte Kommentare (5)

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Andrea
Mittwoch, 16. Oktober 2019, 18:13 Uhr

Hat­te noch nie Angst, dass ein Stuhl unter mir zusam­men­bricht oder ich nicht mehr ohne Hil­fe auf­ste­hen kann. Ist mir auch noch nie passiert, dass ein Fahrstuhl wegen mir in die Knie ging.
Auch beim Essen gehen habe ich mich noch nie geschämt, denn ich esse krankheits­be­d­ingt nur recht beschei­dene Portionen.
Allerd­ings sind mir die Arzt­szenar­ien ziem­lich bekan­nt; habe schon einige Male Ärzte gewech­selt, weil ich mich nicht ernst genom­men und nur auf mein Gewicht reduziert gefühlt habe.
Meine größte Angst hat mit Oper­a­tio­nen zu tun, weil der größte Teil meines Übergewichts am Bauch sitzt, und dies auch kleinere Ein­griffe enorm kom­plizieren kann…

Tina
Mittwoch, 16. Oktober 2019, 8:20 Uhr

Erst­mal lieben Dank, für deine Artikel. Wer ken­nt diese Sit­u­a­tio­nen als dick­er Men­sch nicht. Ständig schämt man sich oder hat Äng­ste. Am lieb­sten würde man unsicht­bar wer­den. Ich habe lange gebraucht um zu begreifen, das nicht ich, son­dern diese Star­rer und Läster­er sich schä­men müssen. Nicht ich bin verkehrt weil ich dick bin, son­dern Men­schen die Dicke, zu Dünne usw. nicht akzep­tieren wollen. Oft ist es man­gel­nde Intel­li­genz oder Arro­ganz die, die Leute so han­deln lässt. Aber egal was es auch ist, es tut weh. Deine Berichte
machen Mut, mache bitte weit­er. Wir brauchen Men­schen wie dich.

Stella
Dienstag, 15. Oktober 2019, 20:47 Uhr

Wow, das klingt alles wie ein Tag aus meinem Leben. Es ist unglaublich was wir uns alles antun (lassen) müssen. Vor allem beim Arzt ist das echt schlimm. Vor eini­gen Jahren hat­te ich plöt­zlich Läh­mungser­schei­n­un­gen in bei­den Beinen und kon­nte nicht mehr laufen. Ein Arzt meinte das gin­ge vor­bei wenn ich erst abgenom­men hätte. Und das ohne mich groß zu unter­suchen. Erst der 3. Arzt hat sich darum geküm­mert die Ner­ven zu unter­suchen und stellte eine Entzün­dung im Rück­en­mark fest. Diese hat mit dem Gewicht abso­lut nichts zu tun. Es hat 5 Monate gedauert bis ich diese Diag­nose bekam und mir endlich jemand glaubte. Die Geschichte macht mich heute noch wütend.

Carolin
Sonntag, 14. Juli 2019, 19:05 Uhr

Let­zte Sit­u­a­tion im Aufzug :
Ich gehe rein, Kom­men­tar vom opa neben mir :“ohh nee”
Ich gehe raus, näch­ster Kom­men­tar :“Gott sei dank ist die weg, mein Gott war die fett!”

Cocomilla
Dienstag, 11. Juni 2019, 17:06 Uhr

Toller Beitag 😊 genau die Sit­u­a­tion die echt immer in meinem Kopf sind 😊