Trend-Interview mit Gudy Herder von Eclectic Trends

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Gudy Herder Interview Porträt

Interior Design hat sich in den letzten Jahren so richtig in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt – viel mehr als noch vor einigen Jahren, als die Wohnraumgestaltung oftmals nur nebensächlich war. Heute ist das Einrichten unseres Zuhauses eine sehr wichtige Angelegenheit und ähnlich wie im Modebusiness geben auch hier Trends den übergeordneten Ton an. Auch wenn wir manchmal gar nicht bemerken, ob etwas von einem Trend bestimmt ist, so ist es doch oftmals so. Und wir sprechen hier nicht vom lapidar gebräuchlichen Begriff „trendy“, der eher mit dem Wörtchen „modisch“ gleichgesetzt werden kann, als dass er bedeutet, dass etwas wirklich auf einem Trend basiert.

Damit wir einen Blick auf die kommenden Trends für Interiors werfen können, habe ich mich mit einer Trendexpertin unterhalten, die selbst auch bloggt: Gudy Herder von Eclectic Trends. Lasst uns mal einen Blick auf die Trends von morgen werfen!

Auf welche Trends sollten wir uns 2016/17 vorbereiten?

Junge Designer entwickeln die spannendsten Strukturen aus recycelten Materialien und wir werden ungewöhnliche Stoffe und Elemente verschieden angewandt finden. Design wird zum Lab Process.

Die renommierte Design Schule Central Saint Martin in London bietet inzwischen das Programm Material Futures an, wobei Kunsthandwerk, Wissenschaft und Technologie zusammenschmelzen und Studenten Produkte entwickeln, die garantieren, dass wir mit wiederverwendbaren Materialien und nachhaltigen Prozessen leben, und uns eine bessere Zukunft schaffen und erhalten. Es handelt sich um ein interdisziplinäres Programm, das übergreifend Produkte schafft und sich u. a. auf Schmuck, Textilien im weitläufigen Sinn, Keramik, Decor und Mode bezieht.

Roisin Johns z. B. verwandelt ausrangierte Materialien, die sie teilweise in Fabrikhallen auf dem Boden findet, in begehrenswerte Objekte. Papier, Schaumstoff, Leder und Polystyrol werden ein zweites Leben in Form einer Schmuckkollektion geschenkt.

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© Roisin Johns

Wo geht die Reise insbesondere für Interior Design hin?

Ein ganzer großer, anhaltener Trend, der auch weiterhin bis 2016/17 (und hoffentlich länger) reichen wird, ist im Bereich Crafting und Manufacturing zu finden. Ich nenne diesen Makrotrend Innovative Craftmenship. In der heutigen zunehmenden Einwegwelt gibt es eine Gefahr in der globalen Fertigungsindustrie, den Wert der Handwerkskunst zu vergessen. In die Zukunft denkende Designer nehmen jedoch immer mehr Kontakt zu lokalen Artisans auf und entwickeln in gemeinsamer Regie ihre Kollektionen. Eine runde Win-win Sache, da beide über eine Expertise und Geschicklichkeit verfügen, die der Gegenpart nicht hat und wobei auch ethische Produktion eine große Rolle spielt.

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Die Tokyo Tribal Kollektion ses Studio Nendo. © Nendo

Ein schönes Beispiel für Teamarbeit und dem Design-To-Manufacturing-Process ist dieTokyo Tribal Kollektion des japanischen Studios Nendo, welche auf den Philippinen von ansässigen Kunsthandwerkern geflochten und anschließend zuammengesetzt wurde.

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© Poetic Lab

Das in London ansässige Design Studio Poetic Lab hat nach viel Nachforschung und unzähligen Experimenten ihre Bamboo Forest Kollektion ins Leben rufen können. Ziel war es, zu erklären, dass Bambusstangen in ihrer ursprünglichen Schönheit auch für zeitgenössische Möbel eingesetzt werden können, mithilfe von japanischem Know-how.

Trends scheinen in den meisten Fällen interdisziplinär zu sein. Wer beeinflusst da wen? Die Mode das Design? Die Werbung die Mode? Oder müssen wir noch eine Ebene höher schauen?

Wir sollten vor allen Dingen auf gleicher Höhe bleiben, denn viele Consumer Trends werden von uns selbst erschaffen. Der berühmte Streetstyle (verbunden mit all den Blogs, die aufgebaut worden sind) ist dafür sicher ein gutes Beispiel. Letztendlich entsteht ein Trend immer dann, wenn es Anzeichen in der Gesellschaft dafür gibt. Diese stellen sich zusammen aus soziologischen, physischen und wirtschaftlichen Faktoren.

Es handelt sich also nicht unbedingt um eine höhere Instanz, die sagt, dieses oder jenes wird zum Trend. Was jedoch erstklassige Trendexperten wie Li Edelokoort hervorragend tun ist, Anzeichen einer Bewegung zu filtern, sie in Worte zu fassen und daraus eine Analyse zu erstellen, die interdisziplinäre Werte schafft und übergreifend angewendet werden kann. Wahr ist allerdings auch, dass die Mode klare Ansätze gibt, die dann sehr schnell von anderen Branchen aufgenommen und teilweise überraschend übersetzt werden.

Du bist Trendexpertin. Wie wird man zu einem Trendexperten und wie muss man sich Deine Arbeit vorstellen?

Es gibt, wenn auch wenige, (private) Ausbildungen dafür. Bei mir enstand die Expertise durch den Besuch internationaler Messen zwölf bis vierzehn Mal im Jahr, da ich für eine große Retailkette in Spanien, die ca. 70 Möbelhäuser bediente, eingekauft habe. Dazu wollten die Veranwortlichen der Geschäfte immer einen Trendbericht haben, um ihre Kunden besser beraten zu können. Sagen wir, mein Auge hat sich dadurch geschult, ich habe Zusatzausbildungen belegt und mit größeren Trend-Consulting-Firmen kooperiert, bei denen man viel dazulernt. Global Color Research hat gerade ihre Trendacademy ins Leben gerufen für all die, die Interesse haben sollten.

Ich berate meine Kunden, indem ich Trends vorstelle, die sich nah an ihrem Produktportfolio befinden (das können Makro- oder Mikrotrends sein) und helfe, ihre Produktlinien dementsprechend aufzustellen.

In Deiner Arbeit verwendest Du sehr oft die Technik des Moodboards. Warum legst Du großen Wert auf Moodboards und wie können wir als Nicht-Experten diese Technik für unser nächstes Interior-Projekt einsetzen?

Es ist für mich nicht nur eine, sondern DIE Technik geworden, um Konzepte vorstellen zu können und sie dabei nicht abstrakt wirken zu lassen. Ein Moodboard ist eine Kommunikationstechnik, die hervorragend funktioniert, wenn sie richtig eingesetzt wird. Der Kunde versteht durch die visuelle Hilfe den Ausgangspunkt und kann sich das Endprodukt gut vorstellen. Es werden Missverständnisse vermieden und Zeit eingespart.

Ich empfehle eine erste Analyse des Projektes, bei der Schlüsselworte gefiltert werden, d. h. die Ideen werden runtergebrochen und klare Charakteristiken definiert. Diese sollten dann übersetzt werden in Materialien und Bilder. Es ist wichtig, sich immer wieder zu fragen: Brauche ich dieses Bild wirklich und unterstreicht es meine Message? Stehen die verschiedenen Elemente auf meinem Board im Einklang und ergeben sie zusammen einen Sinn? Wenn nicht, welches herausnehmen, welches ersetzen?

Zum richtigen Zusammenfügen und Erstellen eines Moodboards habe ich acht Techniken zusammengestellt, die ich in diesem Online-Kurs erkläre, den ich vor Kurzem auf den Markt gebracht habe.

Zu guter Letzt: Dein „favorite trend“ auf den Du Dich besonders freust?

Wir haben in den letzten zwei Jahren beobachten können, dass Designer sich so sehr mit dem Thema Indoor Gardening auseinandergesetzt haben, dass Möbel entworfen worden sind, in denen Pflanzen integriert werden können. Pflanzenmotive waren, und sind nach wie vor, der Renner auf Tapeten, Stoffen und jeder druckfähigen Oberfläche. Es entstanden der Botanical und Jungle Trend als weitere Ableger.

Die Foodindustrie ist die neue Partnerbranche to watch und ich persönlich bin sehr gespannt auf die Entwicklung. Aus recycelten Lebensmittel-Elementen werden u. a. Accessoires für die Einrichtungsbranche kreiert.

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© Studio by Color

Studio by Color zeigte zum ersten Mal auf dem Salone del Mobile dieses Jahr in Mailand eine kleine Kollektion von Seifenschalen und Untersetzern, die aus den Resten von eingekochten Obst- und Gemüseschalen entstanden, die ihrerseits dann mit einem porösen Steinpulver vermischt wurden und diese Objekte (siehe oben) ergaben. Designer entwerfen in diesem Zuge Produkte, die dem Foodie zugutekommen. Essen wird zum sozialen Ereignis, dafür müssen Möbel und Accessoires geschaffen werden, die slow, chic und nachhaltig sein sollten.

Essen, Trinken und Schlemmen mit einem gesünderen Bewusstsein wird also ein zentraler Punkt in unserem Leben sein und dementsprechend werden Interior Designer darauf reagieren. Ich sehe diesen Trend maßgebend für 2017 mit den ersten Anzeichen und Produktentwicklungen seit diesem Jahr.

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© Studio Appétit

Studio Appétit präsentiert bereits einen Esstisch, der zur Oase und Raum für sich wird. Das Dachgestell kann beliebig gestaltet werden – mit Blumengirlanden, Stoffen oder Obstranken je nach Thema. Der Akt des Mahls wird zum gemeinsam erlebten Ereignis, losgelöst von der simplen Nahrungsaufnahme. Allein dieses faszinierende Thema an sich gibt schon genügend Stoff für eine eigene kleine Trendkonferenz.

Vielen Dank, liebe Gudy, für das Gespräch!

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