Essen für ein ganzes Jahr: Weltacker 2000 an der Havel

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Die Lust am Gärtnern scheint gerade eine regelrechte Renaissance zu erleben. Egal, ob im eigenen Gemüse-Garten oder in Urban-Gardening-Projekten: Wir wollen wieder wissen, woher unser Essen kommt und wie wir es selbst anbauen können. Das finde ich großartig und ich bin selbst ein Teil davon – auch wenn mein Nachbar mich erstaunt fragt, warum ich denn gärtnere, „ich sei doch lange noch nicht pensioniert“.

Unsere eigenen Erzeugnisse würden es nie in die Supermärkte schaffen – zu klein, zu groß, zu krumm, nicht glänzend genug (ich glaube, sie schmecken besser, aber das tut nicht unbedingt etwas zur Sache). Die Landwirtschaft ist ein hartes Geschäft und hat wenig mit dem zu tun, was wir in unseren Gärten machen. Haben wir überhaupt eine Vorstellung davon, wie unser Essen weltweit angebaut wird?

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© Volker Gehrmann

  • Was bedeutet Flächennutzung?

    Die Flächennutzung beschreibt, wie viel Boden eine Person zum Leben pro Jahr umgerechnet benötigt. Dabei werden vor allem der Anbau von Nahrungsmitteln und die Tierhaltung mit einbezogen, aber auch Abfälle und Wohnraum.

    Aktuell benötigen wir in Deutschland ca 2.900m² pro Person und Jahr alleine für die Ernährung, dabei entfällt die Hälfte der Fläche auf das Halten von Rindern, Schweinen und Geflügel. Bis 2050 werden jedem Menschen auf der Welt schätzungsweise 2000m² umgerechnet zur Verfügung stehen, daher werden wir unsere zur Verfügung stehende Fläche besser nutzen müssen.

    Zunehmend wird daher ein bewussterer und reduzierter Fleischkonsum gefordert. Der World Wide Fond for Nature (WWF) schreibt in seinem Gutachten: „Geringfügiger Verzicht auf Fleisch reduziert Flächenverbrauch signifikant […] Ein fleischfreier Tag pro Woche setzt fast 600.000 ha frei“.

    Aber auch das Reduzieren von unnötigem Abfall kann erheblich zu einer verbesserten Flächennutzung beitragen. Damit auch zukünftig für jeden Bewohner auf der Erde genügend Platz zur Verfügung steht, sollten in all diesen Punkten Maßnahmen ergriffen werden, die zu einer geringeren Flächennutzung führen.

    Die Gesamtfläche der Erde beträgt 510 Mio. km². Davon sind aber nur knapp 150 Mio. km² Landfläche (ca. 30%).

    Verfasst von: finn.von.friesland@gmail.com

Um dies zu veranschaulichen, wurde in Berlin an der Havel auf den Flächen des SpeiseGuts der „Weltacker 2000“ angelegt. Warum 2.000? Ganz einfach: Teilt man die Ackerfläche der Erde durch die Anzahl der Bewohner, so kommt man auf 2.000 Quadratmater. Diese Fläche hat theoretisch jeder von uns für seine Versorgung zur Verfügung. Interessante Idee, die Benedict Haerlin, der ursprüngliche Initiator und Ideengeber des Projektes, da hatte.

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© Die Auslöser

Im letzten Jahr wurde auf dem Weltacker 2000 gezeigt, wie die globale Ackerfläche genutzt wird. Auf einem großen Teil des Ackers wurden Soja, Mais und Getreide angebaut – eben so, wie es weltweit geschieht. Vieles davon essen wir gar nicht selbst, sondern verfüttern es an Tiere oder verarbeiten es zu Treibstoff. In diesem Jahr hat sich das Team um Luise Körner alias „Carla Giardini“, eine der Initiatorinnen und Protagonistin von Weltacker 2000, etwas Neues überlegt. Ich freue mich sehr, dass sich Luise Zeit für ein Interview genommen hat und ich ihr ein paar Fragen stellen konnte.

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Luise Körner vom Projekt „Weltacker 2000“.

Liebe Luise, ich habe schon etwas über die Hintergründe eures tollen Projektes berichtet. Was habt ihr euch dieses Jahr für den kleinen Weltacker an der Havel ausgedacht?

In diesem Jahr wollen wir unseren 2.000 Quadratmeter großen Acker so bebauen, dass ein Mensch ein Jahr lang gut und gesund davon satt wird. Genauer gesagt: viele Menschen, jeweils eine Woche lang.

Der Weltacker 2000 ist auch für die Öffentlichkeit zugänglich. Was gibt es da für die Besucher zu erleben?

Momentan säen wir noch einige Kulturen und müssen auch schon kräftig Beikraut jäten. Wir freuen uns über Besucher_innen, die mithelfen. Auf Schildern rund um den Acker gibt’s einiges zu entdecken: Unser Ackerparcours lädt zum Lernen und Diskutieren ein. Nach Absprache bieten wir auch Gruppenführungen inklusive Ackerfrühstück an.

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© Die Auslöser

Kann ein Mensch von den Erträgen ausreichend mit Nährstoffen versorgt werden? Wie klappt das mit den Proteinen? Und was isst man im Winter?

Spannende Frage! Darüber haben wir im vergangenen Jahr viel geforscht und ausgiebig gestritten. Letztendlich gehen beim Thema Nährstoffversorgung die Empfehlungen weit auseinander. Ein Knackpunkt waren Eisen und Folsäure, da werden wir mit Fermentierung arbeiten. Die Proteine kommen hauptsächlich von Hülsenfrüchten wie Linse, Soja, Lupine, Bohne. Im Winter gibt’s Lagerware. Wir tauschen aber auch Erträge von unserem Acker mit Projekten in anderen Ländern. Also, die Ernte eines Quadratmeters Kürbis von unserem Acker gegen einen Quadratmeter Reis zum Beispiel.

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© Volker Gehrmann

Wer genau ist das Team um dich herum und wie schafft ihr die Arbeit, bis wirklich etwas auf dem Teller landet?

Regina ist unsere Landwirtin und arbeitet jeden Tag auf dem Acker. Von der Feldvorbereitung über die Planung der Aussaat, Pflege und Ernte läuft alles bei ihr zusammen. Florian ist gelernter Koch und achtet darauf, dass unser Essen vom Weltacker 2000 nicht nur satt macht, sondern auch gut schmeckt. Er ist auch Ansprechpartner für ehrenamtliche Helfer_innen und Interessierte, die montags und donnerstags vorbeikommen.

Ist die diesjährige Bepflanzung mit der des letzten Jahres vergleichbar? Bauen wir also weltweit das an, was wir für unsere Versorgung benötigen?

Im vergangenen Jahr haben wir alle Kulturen anteilig so angebaut, wie sie auf den 1,4 Milliarden Hektar Weltackerfläche wachsen. Das Getreide hat ungefähr ein Drittel der gesamten Fläche ausgemacht. Die größte Fläche überhaupt war das Maisfeld, während das Gemüse gerade mal um die 80 Quadratmeter beansprucht hat. Das hat viel mit der Produktion von Futtermitteln für die Fleischindustrie zu tun. Zwei Schweine würden unsere 2.000 Quadratmeter ratzekahl hinterlassen. Außerdem frisst der sogenannte Biodiesel jede Menge Ackerfläche. Mit der Rapsernte von 2.000 Quadratmeter (600 Kilogramm) kann ich mit dem Auto einmal von Berlin nach Neapel und zurück fahren. Dann hätte ich aber die mir rechnerisch zur Verfügung stehende Ackerfläche für ein Jahr verbraucht.

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© Volker Gehrmann

Welche Schlüsse zieht ihr aus euren bisherigen Erfahrungen mit dem Weltacker?

Von der Resonanz sind wir immer wieder überwältigt. Es scheint so, als hätten wir einen Nerv getroffen: Viele Leute wollen sich für gutes Essen und eine gute Landwirtschaft einsetzten. Das Ausmaß der Probleme kann dabei aber schnell entmutigen. Das menschliche Maß auf dem Weltacker 2000 macht die komplexen Zusammenhänge direkt nachvollziehbar. Ich kann nicht alle Probleme dieser Welt lösen, aber ich kann Verantwortung für „meine“ 2000 Quadratmeter übernehmen.

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© Die Auslöser

Was ist dein persönlicher Antrieb, den Weltacker 2000 zu beackern?

Tatsächlich bin ich die meiste Zeit im Büro. Ich mache die Web- und Öffentlichkeitsarbeit und koordiniere die internationalen 2000 Quadratmeter Felder. Ich beackere den Weltacker also eher nur im übertragenen Sinne. Was mich antreibt, ist die Idee einer gerechteren Welt und was zu tun ist, damit alle genug haben.

Können wir selbst mit unserer Ernährung und unserer Lebensweise etwas zu einer nachhaltigeren und gerechteren Welt beitragen? Kann es also einen gesellschaftlichen Wandel aus uns selbst heraus geben oder siehst du hier mehr die Politik in der Pflicht?

Jeder Einkauf ist auch ein Auftrag an die Landwirtschaft. Wir alle können viel bewegen, wenn wir unseren Verzehr und Verbrauch verändern. Hinter unserem Projekt steckt „ARC2020“, ein Netzwerk von mehr als 160 europäischen Nichtregierungsorganisationen, die für eine grünere und fairere Agrarpolitik in der Europäischen Union kämpfen. Als Wähler_innen können und sollten wir natürlich Einfluss auf die Politik nehmen. Am besten geht das, wenn man die Zusammenhänge kennt.

Gibt es schon Ideen fürs nächste Jahr?

Wir wollen auf jeden Fall weitermachen, suchen aber gerade nach einem Acker im Stadtzentrum. Mit den 2000 Quadratmeter Feldern in anderen Ländern der Welt wollen wir uns noch enger austauschen. Über unsere Webseite sollen die 2000 Quadratmeter Ackerfläche und das Leben der Menschen, die sie ernähren, für alle erfahrbar werden.

Vielen Dank für deine Zeit. Ich wünsche euch ein erfolgreiches Anbaujahr und würde mich sehr freuen, wenn ich im Oktober für eine Woche der Mensch sein könnte, der durch den Acker ernährt wird. Ich hoffe, wir sehen uns.

Titelbild © Volker Gehrmann

Kulinarische Harmonie: Gnocchi, Bohnen und Wunderlauch

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Svenda von Brausezimt hat in ihrem letzten Beitrag darüber berichtet, wie nahrhaft Bohnen sind. Auch wir finden, dass die Hülsenfrüchte mehr Aufmerksamkeit verdienen und haben deswegen mit weißen Bohnen als cremige, vegane Soße experimentiert. Durch den Eigengeschmack der Bohnen entsteht ein deftiger Begleiter zu Nudeln und Co. Passend zum Frühling haben wir uns dazu ein Gericht mit Bärlauch überlegt. Dieser kommt in Norddeutschland sehr selten vor und steht in Berlin und Umgebung sogar auf der Liste der gefährdeten Arten und darf somit nicht gepflückt werden.

Als Berliner braucht man darüber aber nicht so traurig…

Hallo! Ich bin Andrea aus Köln. Ich ernähre mich seit Januar 2012 vegan und bin super glücklich mit dieser Entscheidung. Seither sammele ich Rezepte & mehr auf meinem Blog GoVeggieGoGreen....

Zum Autor

Julia
Mittwoch, 27. Mai 2015, 17:01 Uhr

Coole Aktion… haltet mich mal damit auf dem Laufenden

Gruß
Kosten senken Klima schützen