Von Bären und Walen: Zu Besuch in Kanadas Wildnis

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Als „Welthaupt­stadt der Eis­bären“ wird Churchill in Kanadas Prov­inz Man­i­to­ba gerne und auch mit gutem Grund genan­nt. Über meine entspan­nte Zugreise von Win­nipeg nach Churchill habe ich euch ja bere­its berichtet, dort kon­nte ich es schon kaum erwarten Wale von Nahem zu sehen. Im Herb­st kom­men die großen Tiere näm­lich aus­ge­hungert aus dem Lan­desin­neren an die Küste, wo zwei Flüsse in die Hud­son Bay mün­den, die auf­grund ihres Süßwasserge­halts schneller gefrieren als das salzhaltigere Meer. Denn nur auf dem Eis kön­nen die Bären Robben jagen. Mit ein­er schi­er unglaublichen Geduld har­ren sie oft Stunden lang an den Atem­löch­ern der Robben aus, warten darauf, dass ihre Opfer Luft holen. Aber viele Tiere ver­brin­gen auch den Som­mer an der Hud­son Bay und die Gegend um Churchill gilt weltweit als nahezu per­fekt, um Eis­bären zu beobachten.

Touris­ten sind gut berat­en, den Raubtieren nicht auf eigene Faust zu nahe kom­men zu wollen. Deshalb sind wir mit Guide Paul Rat­son von Nature 1st Tours unter­wegs, der auch die Lieblings­fleck­en der weißen Riesen in der Bucht Bird Cove ken­nt. „Hi guys, I’m Paul“, dröh­nt seine tiefe Stimme und unser fröh­lich­es Geschnat­ter verstummt.

Vor über 40 Jahren kam Paul nach Churchill, diente als Sol­dat auf der im Zweit­en Weltkrieg errichteten Mil­itär­ba­sis. In den 1980er Jahren wurde diese geschlossen und viele ver­ließen die kleine Stadt. Paul blieb. Längst hat­te er sich in die karge Land­schaft, seine Bewohn­er und die Tiere ver­liebt. Vor allem die Eis­bären haben es ihm angetan.

Eisbär

So knud­delig diese auch ausse­hen, so gefährlich kön­nen sie wer­den, wenn Men­sch sich falsch ver­hält. Deshalb hält Paul auch erst ein­mal die Sicher­heit­sein­weisung für bren­zlige Sit­u­a­tio­nen: „Nicht ren­nen. Keine Fotos. Nicht hüpfen, wenn ihr mit dem Bär tanzt, wird er führen“, brummt er mit war­nen­dem Unter­ton. „Der Bär entschei­det, was erlaubt ist!“. In aller Regel gehen die Begeg­nun­gen mit den Raubtieren gut aus und ein paar in Rich­tung Bär gewor­fene Steine reichen aus, um ihn zu ver­trieben. Anson­sten kom­men Pfef­fer­spray und Schreckschuss zum Einsatz.

Wir zock­eln los. Wie bei einem Jagdhund sind alle Sinne auf Hab-Acht. Suchend gleit­en die Augen über die Felsen, manche sehen wie schlafende Wal­röss­er aus. Die Nase spürt nach Moschus­nu­an­cen, den die Bären ange­blich ausströ­men sollen und auch die Ohren sind gespitzt. Hin­ter jedem Felsen kön­nte ein Tier liegen.

Arktischer Fuchs

„Wir haben hier die höch­ste Konzen­tra­tion an Eis­bären weltweit“, sagt Paul. Im Win­ter kom­men 900 – 950 Tiere an die Hud­son Bay. In Churchill wohnen dauer­haft etwa 800 Men­schen. Vor fün­fzehn Jahren waren es noch 1200 Tiere, die zum Jagen kamen. Schuld ist der Kli­mawan­del. Immer heißer und länger wer­den die Som­mer, die Bucht friert immer kürz­er zu, die Bären kön­nen weniger jagen. „Prob­lemkan­di­dat­en ken­nen wir auch, die kom­men in den Knast“, knur­rt Paul. Das Eis­bärenge­fäng­nis am Stad­trand ist weltweit wohl einzi­gar­tig. Alle auf­fäl­lig gewor­de­nen Tiere wer­den in eine alte Lager­halle ein­quartiert und einen Monat auf Diät geset­zt. Das unbe­queme Haftleben soll die Tiere abschreck­en. Im Som­mer wer­den sie dann aus­ge­flo­gen und im Lan­desin­neren wieder freige­lassen, im Win­ter auf der erstar­rten Bucht.

Plöt­zlich stoppt der Guide, hebt die Hand und zeigt Rich­tung Wass­er. Ein weißer Schemen, der sich langsam auf uns zu bewegt. Mein Herz klopft und ich starre geban­nt auf den weißen Pelz. „Ein Eis­bär“, raunt es durch die Gruppe. „Ihr kön­nt Fotos machen, der ist weit genug weg“, beant­wortet der Guide unsere fra­gen­den Blicke. Das Jungti­er tappt näher, scheint unsere Gruppe abzuschätzen, dann gäh­nt er gelang­weilt und trollt sich. Mein erster Eis­bär in freier Wild­bahn. Ein Gefühl, das süchtig machen kann und auch nach­den­klich. Wenn die Kli­maer­wär­mung weit­er geht, wer­den die Eis­bären ver­hungern. Ein The­ma, das Ein­heimis­che und Touris­ten am Abend in unser­er Her­berge Tun­dra Inn noch lange und heiß disku­tieren. Ohne Eis­bären wäre Churchill wohl eine Geisterstadt.

Gänse

Am näch­sten Mor­gen strahlt die Sonne. Statt Pul­li und dick­er Hose sind T-Shirt und Son­nen­brille ange­sagt. Natür­lich freuen mich Frost­beule die som­mer­lichen Tem­per­a­turen, doch ein fad­er Nachgeschmack bleibt. Zugegeben­er­maßen nicht lange, denn eine Kajak­tour zu den Bel­u­gawalen ste­ht auf dem Pro­gramm. Wale gehören auch zu den Tieren, denen sich Men­schen beson­ders nahe fühlen und Glücks­ge­füh­le erleben. Mehr als 3.000 Bel­u­gawale kom­men im Früh­jahr in die kanadis­che Hud­son Bay, um dort ihre Käl­ber zu gebären und groß zuziehen. Immer­hin ist hier das Wass­er ein, zwei Grad wärmer als das Nord­po­larmeer. Mit dem typ­isch kanadis­chen „Hi guys“ begrüßt uns Guide Jules von Fron­tiers North.

Mit Kajaks wollen wir den Walen näher kom­men. Jules ist braunge­bran­nt, trägt kurze Hosen, Pul­li und eine Beany über den geble­icht­en Lock­en. Der kanadis­che Surfer­typ erk­lärt das Ein­maleins des Pad­delns und hil­ft uns mit dem Spritzschutz. „Habt Respekt vor den Bel­u­gas“, ermah­nt er uns. „Sie kom­men zu euch und tun nichts!“ Noch ein kräftiger Schups und mein Seeka­jak schwimmt.

Kajakfahren in Kanada

Pad­del ein­tauchen, durchziehen. Seit­en­wech­sel und wieder dieselbe Bewe­gung. Schnell füh­le ich mich sich­er und halte nach den Walen Auss­chau. Weit muss ich nicht guck­en. Direkt vor mir schwim­men ein großer weißer und ein klein­er graublauer Kör­p­er – eine Kuh mit ihrem Jun­gen. Wow, mein Herz klopft und ich nestele an der Kam­era herum. Zack, schon sind sie wieder weg, um einen Wim­pern­schlag später auf der anderen Seite vom Boot wieder aufzutauchen.

Weißwale, wie Bel­u­gas auch heißen, haben keine Rück­en­finne und kom­men dunkel zur Welt. Erst mit etwa fünf Jahren wird ihre Haut langsam weiß, so haben sie die per­fek­te Tar­nung im Pack­eis, die sie vor hun­gri­gen Eis­bären schützt.

Wale beobachten

Plöt­zlich blub­bert es unter mir, das Kajak vib­ri­ert und wack­elt. Blasen steigen auf und mein Herz macht einen Satz. Ein Tier schwimmt direkt unter mir und bläst Luft durch das Wass­er, das wie ein Whirlpool brodelt und das Boot san­ft schaukeln lässt. Ein irres Gefühl, doch nach ein paar Sekun­den ist der Spuk vorbei.

Ich pad­dele weit­er und ein im Wass­er grün­lich schim­mern­der Schat­ten fol­gt mir und stupst mit seinem Maul ans Rud­er. Tok, tok, tok. Vor meinem Bug taucht er auf und blickt mich aus kleinen Äuglein an, dabei zieht er die Mund­winkel nach oben und lächelt – mir direkt ins Herz. Tränchen kullern die Back­en herunter.

Belugawalkalb mit Mutter

Eine Art Pfeifen schwirrt durch die Luft verbindet sich mit dem Rauschen der Wellen. Bel­u­gas pfeifen, sin­gen, zwitsch­ern und trillern, hat­te Jules vorher erzählt. Deshalb heißen sie auch Kanarien­vögel der Meere. Mit ihrer kup­pelför­mi­gen Stirn, der Mel­one, senden sie ihren Gesang, der aber nur Geräuschkulisse für ihre Klick­laute ist. Anhand der Klicks ori­en­tieren sich die Tiere: Sie senden die Laute aus und fan­gen die Reflex­io­nen mit ihren Unterkiefern wieder auf und leit­en sie an ihr Innenohr weit­er. Ein per­fek­tes Nav­i­ga­tion­s­gerät, mit dem die großen Säuger nicht nur ihren Weg, son­dern auch ihre Nahrung wie Kreb­se, Muscheln und Fis­che find­en. Viel zu schnell müssen wir wieder an Land. Ein seel­iges Grin­sen liegt auf den Gesichtern und die Augen glänzen fast fiebrig. Jules lächelt wis­send: „Die Magie der Wale, deshalb bin ich in Churchill geblieben.“

Rail relaxed in Kanada: Eine Zugfahrt zum Seeligwerden

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Bereits als Kind hat mich der Kanada-Virus infiziert. Schuld an der Sehnsucht waren Bücher über Goldsucher, Trapper, Fallensteller und Indianer. Immer wieder war Hudson Bay Ort des Geschehens, jene große Meeresbucht im Nordosten Kanadas, die der englische Seefahrer Henry Hudson 1610 entdeckt hatte. Auch im Sommer locken hier die Eisbären Touristen an, auch Wale tummeln sich dann in der Bucht. Im Frühjahr haben Belugas Hochkonjunktur, die hellen Meeressäuger strömen zu tausenden in Hudson Bay und Churchill River, um ihre Kälber zu gebären und großzuziehen. Was für eine Reise! Eisbären und Wale sind für mich Seelentiere, die mein Herz berühren –…

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet das Redaktionsteam Reisefeder unter anderem für Magazine wie Brigitte, Onlineportale wie Spiegel Online oder Reisebücher wie Merian. Silke hat nach ihrer Tätigkeit als Rechtsanwältin...

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