Urban Farming: Landwirtschaft in der Stadt

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Urban Farm­ing ist in aller Munde. Aber welche Idee steckt eigentlich hin­ter der urba­nen Land­wirtschaft? Hier find­est du einen Überblick über das Thema.

Kraeuter Anbauen

Ob der Kli­mawan­del, die ras­ant steigende Welt­bevölkerung, aus­ge­laugte Böden oder die zunehmende Urban­isierung – die Men­schheit ste­ht vor großen Her­aus­forderun­gen. Eine von ihnen ist unter anderem die Nahrungsmit­tel­pro­duk­tion. Wo und wie sollen Lebens­mit­tel in der Zukun­ft ange­baut wer­den? Neue Wege sind gefragt. Urban Farm­ing kön­nte eine Lösung sein. Kön­nte der Anbau von Nutzpflanzen in der Stadt eine Alter­na­tive zur tra­di­tionellen Land­wirtschaft sein? Zumin­d­est gibt es die urbane Land­wirtschaft schon heute und zwar auf Haus­däch­ern, Grün- oder Brach­flächen oder in Hochhäusern. Was es genau mit diesen städtis­chen Far­men auf sich hat und in welchem Aus­maß Urban Farm­ing schon pro­fes­sionell betrieben wird und welche Chan­cen bzw. Risiken hin­ter der Idee steck­en, erfährst du hier.

Die Landwirtschaft der Zukunft:

Was ist Urban Farming?

Pflanzen Horizontal Anbauen

Zugegeben, es klingt schon ein wenig para­dox: Land­wirtschaft in der Großs­tadt. Wie passt das zusam­men? Doch so wider­sprüch­lich sich das zunächst anhört, genau­so logisch ist diese Idee. Denn damit alle Men­schen zukün­ftig etwas zu essen haben, müssen neue Konzepte her. Eines von ihnen kön­nte Urban Farm­ing sein. Sin­nvoll genau deswe­gen, weil sich schon jet­zt mehr als die Hälfte aller Men­schen in städtis­chen Gebi­eten ange­siedelt haben. Es wür­den also genau dort die Lebens­mit­tel pro­duziert wer­den, wo sie let­z­tendlich auch benötigt wer­den. Es ist aber auch auf­grund der schrumpfend­en (brauch­baren) Ack­er­flächen ein fast schon unauswe­ich­lich­er Schritt, um die Lebens­mit­telver­sorgung aller Men­schen sicherzustellen. Doch noch ein­mal zurück zu dem Begriff: Was genau ver­birgt sich hin­ter Urban Farm­ing? Eine offizielle Def­i­n­i­tion gibt es zwar nicht, aber prinzip­iell beschreibt dieser Begriff den Anbau, die Ver­ar­beitung und der Ver­trieb von Lebens­mit­teln in städtis­chen Gebi­eten, um auf kom­merzieller Basis Pro­duk­te für die Bevölkerung zu liefern. Und da in Städten andere Begeben­heit­en herrschen als auf dem Land, unter­schei­det sich natür­lich auch die Art und Weise, wie Land­wirtschaft prak­tiziert wird. Drei ver­schiedene Vari­anten haben sich bish­er etabliert: Ver­ti­cal Farm­ing, Rooftop Farm­ing und Indoor Farm­ing. Beim Ver­ti­cal Farm­ing wird statt Fläche die Höhe genutzt, sprich: die Pflanzen wer­den ver­tikal ent­lang Hochhäuser, Fas­saden oder aus­ge­di­en­ten Lager­hallen angepflanzt. Und das meis­tens drin­nen, also geschützt von Wetter- und Umwel­te­in­flüssen. Rooftop Farm­ing geht wiederum in die Fläche, aber nutzt – wie der Name schon sagt – Däch­er, um Nutzpflanzen zu kul­tivieren. Und beim Indoor Farm­ing wer­den die Pflanzen ein­fach drin­nen ange­baut. Qua­si Land­wirtschaft in Gebäu­den. Es ist die Vorstufe vom Ver­ti­cal Farming.

Gründe für die urbane Landwirtschaft

Vertikaler Salatanbau

Der große Vorteil in Sachen Urban Farm­ing liegt auf der Hand: Die Lebens­mit­tel wer­den dort ange­baut, wo sie gebraucht wer­den. Und zwar auf son­st ungenutzten oder freien Flächen mit­ten in der Stadt. Somit sind die Trans­portwege so kurz wie möglich, was sich wiederum pos­i­tiv auf die C02-Bilanz und somit auf den Kli­mawan­del auswirkt. Außer­dem ent­fall­en hohe Lagerkosten. Dadurch, dass bei der urba­nen Land­wirtschaft höchst mod­erne Anbaumeth­o­d­en zum Ein­satz kom­men, kön­nen jede Menge Wass­er und Dünger einges­part wer­den. Geschlossene Kreis­läufe sind in der Regel die Basis für die Land­wirtschaft in der Stadt und benöti­gen bis zu 90 Prozent weniger Wass­er. Und diese Anbausys­teme sind nicht nur extrem inno­v­a­tiv und aus­gek­lügelt, son­dern auch extrem platzs­parend. Durch die Ver­lagerung des Anbaus in die Höhe kön­nen viel mehr Pflanzen ange­baut wer­den als auf ein­er ver­gle­ich­baren Grund­fläche auf dem Boden. Da die gesamte Land­wirtschaft unter kün­stlichen Bedin­gun­gen stat­tfind­et und alles streng kon­trol­liert wird, kann nicht nur mehr ange­baut wer­den, son­dern auch ertra­gre­ich­er. Schließlich sind die Bedin­gun­gen, unter denen die Pflanzen wach­sen, rund um die Uhr steuer­bar und so per­fek­tion­iert, dass Dünger und Pes­tizide vol­lkom­men über­flüs­sig sind. Außer­dem: Erfol­gt der Anbau drin­nen, kön­nen das ganze Jahr über Gemüsepflanzen ange­baut und geern­tet wer­den. Urban Farm­ing würde uns qua­si unab­hängig von Jahreszeit­en und Wet­ter machen. Und damit nicht genug. Auch die Qual­ität von Ack­er­flächen spielt bei der urba­nen Land­wirtschaft keine Rolle mehr. Beim Anbau der Pflanzen in den hochtech­nisierten Far­men wird näm­lich auf Bodenkon­takt verzichtet. Sprich: Die aus­ge­laugten Böden der kon­ven­tionellen Land­wirtschaft kön­nten sich wieder erholen.

Nachteile von Urban Farming

Urban Farming Kuenstliche Anbausysteme

Doch wo Licht ist, ist in der Regel auch Schat­ten. Nicht alle sind von der kün­stlichen, ster­ilen Tech­nik der mod­er­nen Land­wirtschaft überzeugt. Denn auch, wenn beim Urban Farm­ing jede Menge Wass­er einges­part wer­den kann, macht sich Energie­ver­brauch an ander­er Stelle bemerk­bar. Vor allem, wenn beim Anbau LED-Lampen und Com­put­er­sys­teme zum Ein­satz kom­men. Während die kon­ven­tionelle Land­wirtschaft vom Son­nen­licht abhängig ist, set­zt die mod­erne, städtis­che Vari­ante auf kün­stliche Lichtquellen, die natür­lich Strom ver­brauchen. Das kostet nicht nur, son­dern hin­ter­lässt auch in Sachen Umweltschutz einen bit­teren Beigeschmack. Zumin­d­est, solange der Strom nicht aus erneuer­baren Energien stammt. Zudem sind die inno­v­a­tiv­en Hochtech­nolo­gien nicht nur teuer im Ver­brauch, son­dern auch in der Anschaf­fung. Um die Pro­duk­tion­san­la­gen sicherzustellen, sind derzeit Inve­storen notwendig. Welche Auswirkun­gen die urba­nen Far­men auf Miet- oder Kauf­preise von Immo­bilien haben, ist zudem unklar. Außer­dem natür­lich ein großer Nachteil: Der ver­tikale Bauern­hof ist zu kon­ven­tionellen Betrieben noch nicht wirk­lich konkur­ren­zfähig. Denn nicht alles gedei­ht ver­tikal. Getrei­de­felder kön­nen beispiel­sweise noch nicht in Großstädten angelegt wer­den, da die dafür benötigten Flächen ein­fach zu groß wären. Die tech­nol­o­gis­che Entwick­lung entschei­det, ob die Hochhaus­far­men eines Tages wet­tbe­werb­s­fähig sein werden.

Beispiele für Urban Farming

Freight Farms
Copy­right: Car­o­line Kat­siroubas (Freight Farms)

Trotz­dem gibt es mit­tler­weile einige Unternehmen, die beweisen, dass Urban Farm­ing nicht nur eine bloße Idee oder Vision für die Zukun­ft ist. Dazu gehört unter anderem das Berlin­er Start-up Infarm. Sie brin­gen die Lebens­mit­tel­pro­duk­tion nicht nur in die Stadt, son­dern direkt in den Super­markt. Mit smarten Gewächshäusern kul­tivieren sie ver­schiedene Kräuter direkt vor Ort. Ange­baut wird platzs­parend ver­tikal. Die Wurzeln steck­en nicht in Erde, son­dern in einem rein min­er­alis­chen Sub­strat, durch das Wass­er fließt. Hydrokul­tur nen­nt man diese aus­gek­lügelte Hightech-Methode. Ein geschlossenes Sys­tem, das mit bis zu 90 Prozent weniger Wass­er und Dünger als kon­ven­tionelle Land­wirtschaft auskommt, weil nichts im Erd­bo­den ver­sick­ert. Wichtig ist es dabei, auf den genauen pH-Wert des Wassers zu acht­en und es mit aus­re­ichend Sauer­stoff und Nährstof­fen anzure­ich­ern. Bei Infarm wer­den die Werte immer exakt auf die jew­eili­gen Pflanzen­sorten eingestellt und an die ver­schiede­nen Wach­s­tum­sphasen angepasst, sodass die Pflanzen sog­ar schneller wach­sen als auf dem Feld. Um ihre Idee umzuset­zen, sind die israelis­chen Infarm-Gründer Osnat Michaeli, Erez Galon­s­ka und Guy Galon­s­ka extra von Tel Aviv nach Berlin gezo­gen. Ein Aufwand, der sich gelohnt hat: Mit­tler­weile hat das junge Unternehmen mehr als 200 kleine Indoor-Farmen in Super­märk­ten instal­liert. Und das nicht nur in Deutsch­land, son­dern unter anderem auch in Kopen­hagen, Seat­tle und Lon­don. 250 Mitar­beit­er sind bere­its für Infarm im Ein­satz. Somit pro­duziert Urban Farm­ing nicht nur Lebens­mit­tel, son­dern schafft auch Arbeitsplätze.

Vertical Farming Freight Farms
Copy­right: Car­o­line Kat­siroubas (Freight Farms)

In Schiff­s­con­tain­ern baut das amerikanis­che Agrartechnologie-Start-up Freight Farms seine ver­tikale Farm an. Sie wen­den dabei eben­falls ein hydro­ponis­ches Sys­tem an, sprich: Die Pflanzen wurzeln nicht in Erde, son­dern in einem Sub­strat und wer­den über eine wäss­rige Nährstof­flö­sung ver­sorgt. Die „Leafy Green Machines“, wie das Start-­up seine Box­en nen­nt, wer­den energies­parend über Solarzellen betrieben. Von der opti­malen Beleuch­tung über Belüf­tung und Wasserver­sorgung – alles erfol­gt automa­tisch. Laut dem Start-up kön­nen so in der Woche bis zu 1.000 Salatköpfe geern­tet werden.

Gemuese Anbau Auf Dem Dach

Eines der größten Urban-Farming-Projekte Europas wird es zukün­ftig in Paris geben. Auf dem Dach der Paris­er Expo Porte de Ver­sailles sollen auf ein­er Fläche von 14.000 Quadrat­metern Obst und Gemüse ange­baut wer­den. Vor allem alte und regionale Sorten. Doch nicht nur Nutzpflanzen sind geplant, son­dern auch Grün­flächen und Blu­men­wiesen für Insek­ten und Vögel. Das ist näm­lich ein großer Vorteil des Rooftop Farm­ings. Zwar macht man sich nach wie vor abhängig von Wind und Wet­ter, doch dadurch, dass die Pflanzen im Freien ste­hen, tra­gen sie auch etwas zum Klima- und Arten­schutz sowie zur Bio­di­ver­sität in der Stadt bei. Bei dem franzö­sis­chen Urban-Farming-Projekt soll kom­plett auf Pes­tizide und andere Chemikalien verzichtet wer­den. Auf dem Dach gel­ten strikt die Regeln der biol­o­gis­chen Land­wirtschaft. So sollen in der Hoch­sai­son bis zu 1.000 Kilo Obst und Gemüse geern­tet wer­den. Natür­lich muss das Ganze auch finanziert wer­den und deswe­gen sollen die kleinen Stadt­gärten auf dem Dach zukün­ftig ver­mi­etet wer­den. Wahrschein­lich zu hohen Preisen, da Paris ohne­hin zu den teuer­sten Städten Europas zählt. Ein fad­er Beigeschmack bleibt: Die Paris­er Dach­farm wird voraus­sichtlich nur zugänglich für Men­schen gemacht, die es sich leis­ten können.

Greenhouse Plantagon
Copy­right: Cre­ative Com­mons Attribution

Ambi­tion­ierte Pläne ver­fol­gt außer­dem das schwedis­che Unternehmen Plan­ta­gon. Rund zwei Stunden von Stock­holm ent­fer­nt in Linköping wird derzeit an einem 17-stöckigen Hochhaus gear­beit­et. In dem 17-stöckigen kegelför­mi­gen Gebäude soll auf der Nord­seite zukün­ftig gear­beit­et wer­den, die Süd­seite soll als Gewächshaus genutzt wer­den. In 50 Metern Höhe wird so der ver­tikale Pflanzen­bau Real­ität. Durch die riesi­gen Glas­fas­saden kann das Son­nen­licht genutzt und Energie einges­part wer­den. Eine Biogas- und Mül­lver­bren­nungsan­lage sind außer­dem geplant. Aller Voraus­sicht nach wird die schwedis­che Urban Farm 2020 fertiggestellt.

Urban Gardening

GAertnern In Der Stadt

Fälschlicher­weise wer­den Urban Gar­den­ing und Urban Farm­ing ständig syn­onym ver­wen­det. Doch während beim Urban Farm­ing Obst und Gemüse ange­baut wird, um auf kom­merzieller Basis Pro­duk­te für eine größere Bevölkerungszahl zu liefern, soll beim Urban Gar­den­ing „nur“ der Eigenbe­darf gedeckt wer­den. Statt im großen Stil find­et das Stadt­gärt­nern pri­vat auf dem eige­nen Balkon, in Hin­ter­höfen oder auf städtis­chen, ver­nach­läs­sigten Flächen statt. Das Schöne: Urban Gar­den­ing kann qua­si von jedem Stadt­be­wohn­er umge­set­zt wer­den und ist ein guter Schritt, um das Mikrokli­ma in den Städten zu verbessern. Die kleinen, grü­nen Biotope kön­nen außer­dem viel gegen das Arten­ster­ben beitra­gen, da sie Leben­sraum für Tiere wie beispiel­sweise Insek­ten bieten. Natür­lich muss das Gärt­nern auf öffentlichen Flächen erst von der Stadt abge­seg­net wer­den, son­st ist das Ganze ille­gal. Allerd­ings wer­den Urban-Gardening-Aktionen von vie­len Kom­munen unter­stützt, beispiel­sweise mit Gartengeräten oder Saatgut.

Pro­duk­te fürs eigene Anpflanzen find­est du auch auf otto.de: 

Fazit

Pflanzenanbau Auf Dem Dach

Die urbane Land­wirtschaft birgt enormes Poten­tial, um die Lebens­mit­telver­sorgung auch in Zukun­ft sicherzustellen. Natür­lich gibt es, wie bei fast allen neuen Tech­nolo­gien, Vor- und Nachteile. Den­noch sind vor allem neue, tech­nol­o­gis­che Errun­gen­schaften eine wichtige Lösung im Kampf gegen den Kli­mawan­del. Mit Ver­bot und Verzicht wer­den wir bei ein­er steigen­den Welt­bevölkerung nicht die gle­ichen Erfolge erzie­len kön­nen. Somit ist es gut und wichtig, dass sich Men­schen neue Sys­teme über­legen, wie in Zukun­ft das Leben auf unserem Plan­eten gestal­tet wer­den kann. Natür­lich so nach­haltig wie möglich.

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