Arbeiten von überall: „Out of Office“ im Porträt

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Sonnenbrille auf der Nase, die Füße im Sand vergraben, Meeresrauschen. Das klingt nach Urlaub, oder? Bei Katharina Jacobs und Henryk Berlet kann durchaus auch mal ein Arbeitstag so aussehen. Die zwei wollten sich vom konventionellen Büroalltag in der Medien- und Agenturwelt, bestehend aus Meetings, Pitches und Calls, verabschieden, packten ihre Sachen und waren sechs Monate lang auf der ganzen Welt unterwegs. Nebenbei haben sie weiterhin gearbeitet und andere auf ihrem Blog OUT OF OFFICE an ihren Erlebnissen teilhaben lassen – digitales Nomadenleben macht es möglich. Sie sind wieder zurück, aber immer noch viel unterwegs. Was es bedeutet, out of office zu arbeiten, haben sie uns berichtet.

Hey Katharina und Henryk, erzählt doch mal kurz ein bisschen was von euch.

Wir sind beide Mitte 30, leben und arbeiten in Berlin – und wie bei vielen anderen Paaren in unserem Freundes- und Bekanntenkreis, stand die Arbeit in den letzten Jahren sehr stark im Lebensmittelpunkt. Irgendwann gab es einen Punkt, da haben wir uns entschieden, etwas daran zu ändern und die Zeit nach dem Office wieder bewusster gemeinsam zu genießen. Das war der Anfang von unserem Projekt „out of office“.

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Katharina und Henryk auf Hawaii

Wo ist eure Homebase?

Aktuell ist es Berlin – dort ist unsere Wohnung, unser Office. Allerdings hängen wir nicht so stark an Orten. Es geht ja vielmehr darum, wo man sich wohlfühlt. Einen Rückzugsort – den haben wir auch schon an anderen Plätzen gefühlt.

Und wo seid ihr jetzt gerade?

Henryk ist aktuell in Krakau, Katharina hält die Stellung in Berlin. Nicht jede Reise unternehmen wir zusammen – wobei das gemeinsame Reisen doch mehr Freude macht.

Ihr wart im letzten Jahr sechs Monate am Stück unterwegs. Wie sieht euer Reiseverhalten jetzt aus, seid ihr immer noch „out of office“?

Nach der sechsmonatigen Reise sind wir mit einem anderen Bewusstsein und einem anderen Lebensmodell nach Berlin zurückgekehrt. Wir sind beide back in the job – aber wir sind im Schnitt ein- bis zweimal pro Monat unterwegs. Manchmal für ein langes Wochenende, andere Male für ein bis zwei Wochen. Und immer häufiger auch nur von „5 to 9“ bei Microadventures nach Feierabend. Solche Auszeiten vom Office-Alltag sind inzwischen feste Bestandteile unseres Lebens.

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Waikiki Surf

Wie viel Angst oder Unsicherheit war bei der Entscheidung, out of office zu arbeiten, dabei?

Da gab es schon viele Fragezeichen. Henryk arbeitet selbstständig als Grafik-Designer. Er wusste nicht, ob die Auftragslage nach der Rückkehr dieselbe sein wird. Er hat aber auch von unterwegs immer wieder für sein eigenes Business gearbeitet. Katharina hat ihren festen Job als PR-Beraterin gekündigt vor der Reise – natürlich wusste sie nicht, was danach kommen würde. Aber die Sehnsucht nach der Ferne hat immer überwogen. Zudem sind wir beide grundpositive Menschen und haben nie daran gezweifelt, dass es die richtige Entscheidung war, loszuziehen, um die Welt zu entdecken … und dass sich danach etwas Neues ergeben wird. Genau so war es dann auch.

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Unterwegs in Bolivien

Wie können wir uns denn einen Arbeitstag von euch fernab vom Büro vorstellen?

Der Arbeitsalltag unterscheidet sich gar nicht so stark. Man entwickelt schnell Routinen, steht früh auf, trinkt einen ersten Kaffee, checkt Mails, strukturiert dabei seinen Tag und priorisiert die wichtigsten To-dos. Natürlich gibt es auch beim „Road Office“ Nachtschichten, wenn es darum geht, Deadlines zu halten. Aber ab und zu geht man früh am Morgen noch eine Runde Surfen oder streckt die Füße beim Arbeiten am Laptop in den Sand, hört die Wellen rauschen.

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Arbeiten mit Urlaubsfeeling

Auch der Blog pflegt sich nicht von selbst – Fotos müssen bearbeitet werden, Artikel geschrieben. Der Unterschied ist, man entscheidet sich jeden Tag neu dafür, diese Arbeit zu lieben und ist ganz einfach selbstbestimmt(er) im Alltag.

Inwiefern hat das Reisen eure Sicht auf das Leben und den „Arbeitsalltag“ verändert? Warum ist die Entkopplung vom Alltag in der heutigen Zeit so wichtig?

In erster Linie geht es darum, Kraft zu tanken, einen Ausgleich zu finden, den Kopf frei zu bekommen – es geht also auch um Kreativität und Inspiration.

Das Reisen erdet uns gleichzeitig unglaublich. Unterwegs merkt man immer wieder, wie gut es uns geht in Deutschland. Dazu brauchst du nicht erst nach Tansania, Indien oder Nepal zu reisen. Armut, fehlende Demokratie, Unterdrückung von Frauen … Allein dass wir reisen können und dürfen, macht uns zu sehr reichen Menschen. So etwas haben wir uns früher nicht bewusst gemacht. Wenn du aber Menschen triffst, die noch nicht einmal einen eigenen Pass haben und viel weniger Chancen und Freiheiten im Leben, dann werden deine eigenen Alltagssorgen unbedeutend und klein. Das hat unsere Einstellung sowohl privat als auch beruflich nachhaltig verändert.

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Unterwegs in Patagonien

Wie reagieren eure Kunden auf euren out-of-office-Status?

In der Regel kündigen wir das mit etwas Vorlauf an. Kürzere Trips sind meist so geplant, dass Kunden oder auch Kollegen keine Nachteile haben oder unnötig lange auf etwas warten müssen. Katharina ist inzwischen wieder in einer Festanstellung, hat aber weiterhin die Freiheit, als Bloggerin unterwegs zu sein. Das setzt natürlich schon eine ganze Menge Verständnis und Vertrauen voraus. Am Ende profitieren alle davon, wenn wir mit voller Power ins Büro zurück kehren und den Business-Alltag rocken!

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Seid ihr schon einmal in eine brenzlige Situation gekommen?

Leider ja. Auf Sansibar wurde gleich zu Beginn unserer Weltreise der Bungalow neben unserem nachts überfallen und die Reisenden komplett ausgeraubt. Es war purer Zufall, dass es nicht uns getroffen hat. Dabei ging es weniger um die möglichen finanziellen Verluste, sondern vielmehr um das zerstörte Vertrauen und die Angst, nachts im Bett, in der vermeintlichen Sicherheit, sich eben nicht länger sicher zu fühlen. Grundsätzlich haben wir das Reisen aber immer als sehr sicher empfunden. Man muss einfach aufmerksam sein, sich den lokalen Gegebenheiten anpassen und auf Locals, vor allem jedoch auf das eigene Bauchgefühl hören.

Gibt es einen besonderen Moment oder Ort, den ihr nie vergessen werdet?

Für Katharina war Tibet und das Basislager des Everest der wichtigste Ort der Weltreise. Damit hat sie sich einen langen Traum erfüllt – und sich verliebt in die Menschen, das Land, die Berge. Henryk war von Hawaiis Big Island nachhaltig beeindruckt. Leider ist das nur so unendlich weit weg.

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Im Himalaya

Viele Menschen würden gerne genau so leben wie ihr gerade, wagen aber diesen Schritt nicht oder vertrösten sich so lange, bis es zu spät ist. Habt ihr einen Tipp, wie man es letztlich doch durchzieht?

Nein, am Ende ist wie so oft: einfach machen! Wenn man an die eigenen Stärken glaubt, gibt es immer ein „danach“ für die Zukunft. Aber natürlich ist ein solches Lebensgefühl kein Selbstläufer. Man muss dem Glück auch die Tür öffnen, damit es hereinkommt.

Vielen Dank, ihr zwei, für das Gespräch! Wir sind gespannt, wo die nächste Reise hingeht. 

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Der Meraner Höhenweg in Südtirol

Die Rechte aller Bilder liegen bei OUT OF OFFICE – www.oooyeah.de.

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Letzte Kommentare (1)

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Michael
Dienstag, 5. Januar 2016, 8:25 Uhr

Ohja, da bekommt man echt Fernweh. Euer Artikel „Out of Office“ hat bei mir längst fälliges Fernweh wieder ausgelöst. Vielen Dank hierfür 😉