Kunst der Ernährung: Slow-Food-Aktivist Hendrik Haase im Interview

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Zunächst einmmal: Was bedeutet eigentlich das Siegel Slow-Food?

Eine kurze Einführung von Anke klärt auf:

Essen ist mehr als bloße Nahrungsaufnahme, findet der Verein Slow Food Deutschland. Mit der Entscheidung, was auf den Teller kommt, trifft jeder Konsument immer auch eine politische oder wirtschaftliche Entscheidung. Essen ist verknüpft mit Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Wissen, Landwirtschaft, Gesundheit und Umwelt – so die Philosophie der Non-Profit-Organisation. Slow Food möchte, dass Lebensmittel „gut“, „sauber“ und „fair“ sind. „Gut“ bedeutet wohlschmeckend, nahrhaft, frisch, gesundheitlich einwandfrei, die Sinne anregend und befriedigend. „Sauber hergestellt“ beinhaltet, dass sie ohne die Ressourcen der Erde, die Ökosysteme oder die Umwelt zu belasten und ohne Schaden an Mensch, Natur oder Tier zu verursachen produziert wurden. „Fair“ heißt, die soziale Gerechtigkeit achtend, mit angemessener Bezahlung und fairen Bedingungen für alle, von der Herstellung über den Handel bis hin zum Verzehr.

Der Slow-Food-Verband

Das Symbol des Slow Food-Verbandes, der weltweit agiert, ist eine Schnecke. Im Gegensatz zur immer schneller werdenden Fast-Food-Kultur geht es Slow Food um das bewusste Genießen. Eine verantwortliche Landwirtschaft, traditionelles Lebensmittelhandwerk und die regionale Geschmacksvielfalt sollen unterstützt und gefördert werden. Der Verein gibt einen „Genussführer“ heraus und präsentiert sich auf Veranstaltungen und Messen, u. a. einer eigenen Slow Food Messe. Die Mitglieder treffen sich in zahlreichen lokalen Gruppen, den so genannten „Convivien“. Sie besuchen landwirtschaftliche Betriebe und Restaurants, nehmen an Märkten und Aktionstagen teil oder kochen zusammen. Slow Food hat weltweit rund 100.000 Mitglieder, in Deutschland sind es ca. 12.000.

Nun aber: Interview mit Hendrik Haase!

Eigentlich ist Hendrik Haase Kommunikationsdesigner. In seiner Diplomarbeit „Stadt, Land, Wurst“ begab er sich auf eine kulinarische Reise und analysierte das Kaufverhalten der Deutschen. Anstatt allerdings Siegel und Ausrufezeichen auf Lebensmittelverpackungen zu analysieren, spricht er lieber mit den Verkäufern auf dem Wochenmarkt und erfährt die Geschichte hinter den Nahrungsmitteln. Auf seinem Blog Wurstsack plädiert er dafür, beim Einkauf lieber zweimal hinzuschauen und somit das Handwerk der Lebensmittelherstellung zu erhalten.

Hendrik Haase

© Andreas Körner

Hallo Hendrik, du bist Slow-Food-Aktivist. Was verstehst du unter Slow Food?

Slow Food ist eigentlich ein in 150 Ländern agierender Verein, der sich für eine ursprüngliche Ernährung einsetzt, sozusagen die Gegenbewegung zu Fast Food. Weltweit haben wir über 100.000 Mitglieder, alleine in Deutschland sind es 13.500. Ich bediene mich gerne an dem Leitsatz des Slow-Food-Gründers Carlo Petrini: Schüttle dem die Hand, der dich ernährt – das kann ein Bäcker, ein Metzger oder ein Imker sein. Leider haben sich unsere Wege sehr weit von der Rohproduktion entfernt und wir haben selten die Chance, direkt mit den Produzenten in Kontakt zu treten. Slow Food macht genau das möglich.

„Gut, Sauber und Fair“ ist ein weiteres Slow-Food-Credo. Unter „sauber“ verstehen wir Lebensmittel ohne Pestizide und unnötige Zusatzstoffe. „Gut“ – das sind Lebensmittel die handwerklich gut gemacht wurden, wie zum Beispiel die Wurst vom Handwerksmetzger. Und„fair“, der letzte Punkt, zielt auf eine gerechte Entlohnung und auf Menschenrechte ab, die insbesondere in der Fleischproduktion häufig missachtet werden. Nimmt man nun beide Denkweisen zusammen, ist das die einzige Dimension für mich, die alle Regeln beachtet und nicht an irgendwelchen Siegeln und Regeln klebt.

Alles hat seinen Anfang. Gab es einen Aha-Moment, nach dem du angefangen, hast über dein Essverhalten nachzudenken?

Wenn wir früher im Auto unterwegs waren, roch immer das ganze Auto nach Omas Wurstbroten. Irgendwann habe ich einfach mal das Wort „Ahle Wurst“ gegoogelt und festgestellt, dass die eigentlich vom Aussterben bedroht ist. Denn die Metzger verschwinden langsam von der Bildfläche. Es werden ganze Handwerke wegen der Lebensmittelindustrie aufgegeben. An diesem Punkt habe ich gemerkt, dass auch ein Teil von mir stirbt. Wenn der Metzger auf einmal weg ist, dann verlieren wir Jahrhunderte alte Metzgerkultur, die Rezepte und die Handwerkskunst – weil die Menschen lieber in den Supermarkt gehen und aus Quellen essen, die sie überhaupt nicht mehr nachvollziehen können.

Warum haben die Leute den Bezug zu dieser Ursprünglichkeit verloren?

Gerade in der Nachkriegszeit, war es wichtig zu wissen, wie du dich selbst ernähren kannst. Damals wurde noch zu Hause geschlachtet und die Leute haben ihre Wurst selbst gemacht. Die Menschen arbeiteten noch größtenteils in der eigenen Landwirtschaft und der ganze Alltag drehte sich darum, die Familie zu ernähren. Heute arbeiten wir in Branchen, die keinerlei Bezug mehr zur Lebensmittelproduktion haben. Da sind Brücken zwischen uns und der Landwirtschaft einfach zusammengebrochen. Mit jedem weiteren Bauernhof, der aufgibt, verlieren wir einen weiteren Anknüpfungspunkt.

Hendrik Haase Wurstsack Feld

© Andreas Körner

Wie lassen sich diese Brücken wieder aufbauen? 

Zunächst müssen wir das Lebensmittelhandwerk als das anerkennen was es ist: Kulinarisches Weltkulturerbe – diese Wertschätzung hat es einfach verdient. Wir dürfen nicht aufhören, über Essen zu diskutierten. Als problematisch empfinde ich, dass die meisten Leute erst mit dreißig anfangen, sich mit Lebensmitteln auseinanderzusetzen. Und dann ist es schwierig zu lernen, wie man aus fünf einfachen Zutaten noch ein gutes Essen für seine Kinder kocht oder einfach schnell ein gesundes Schulbrot zaubert. Das überfordert viele.

Bildung ist da der springende Punkt. In vielen Familien ist die Wissensübertragung von Generation zu Generation einfach nicht mehr da, deswegen muss „Essen“ erst wieder gelernt werden. Leider gibt es in der Schule immer noch kein Fach, dass sich „Kulinarik“ nennt. Darin sollte es nicht nur um die Zubereitung gehen, sondern auch darum, woher unser Essen stammt. Der Ausflug zum Bauernhof muss da inklusive sein.

Sollen wir unser Brot nun wieder selbst backen?

Ich glaube nicht daran, dass wir nun alle unser Brot wieder selbst backen. Schon meine Oma hat ihr Getreide früher bei der Mühle abgegeben und das fertige Brot abgeholt. Es wird immer jemanden geben, der das Brot schneller, besser und effizienter herstellen kann. Dennoch ist es wichtig, unsere Lebensmittel zu hinterfragen, um zu guten und gesunden Lebensmitteln zu kommen. Wir brauchen ein bestimmtes Repertoire an Wissen, um überhaupt noch vernünftig einkaufen zu können, um wieder ein Gesamtverständnis von Ernährung zu erlangen. Je mehr Produktionsschritte wir nämlich aus der Lebensmittelherstellung rauskürzen, desto näher ist unser Körper auch an Produkten dran, die er versteht.

Wo siehst du den größten Gegenwind für die Slow-Food-Bewegung?

Es gibt eine große Wertschätzungsdiskussion, wenn es um gute Lebensmittel geht. Viele Konsumenten kaufen sich lieber ein neues Smartphone, anstatt ein paar Euro mehr für einen gutes Brot auszugeben. Von dieser Gruppe kommt dann auch der Vorwurf, dass gutes und ehrliches Essen nur noch etwas für Feinschmecker mit großem Geldbeutel sei.

Hendrik Haase

© Andreas Körner

Gesund essen kann sich also jeder leisten?

Die Mitglieder bei Slow Food schwimmen nicht im Geld, aber sie haben Wissen und deswegen auch Mittel und Wege gefunden, sich gesund zu ernähren. Wir unterliegen einem grundsätzlichen Irrglauben: Der Preis für billige Lebensmittel wird von anderen Menschen, der Natur und unseren Enkeln bezahlt. Wir sind bei einer Preisdiskussion, die einfach nicht mehr fair geführt wird. Den Preis, den andere Menschen real dafür bezahlen, ignorieren wir einfach.

Wie können wir den Leuten diese Sensibilität gegenüber Lebensmitteln wieder nahe bringen?

Wir müssen wieder für diese Themen begeistern, darin sehe ich auch meinen Job als Kommunikationsdesigner. Bei der Aktion Sauercrowd in Berlin haben tausende Leute zu Musik Sauerkraut gestampft und alle hatten einen Riesenspaß dabei. Ich halte wenig davon, Leuten etwas vorzuschreiben, sondern zeige lieber die positive Alternative auf. Wenn ich sage „ab morgen ist Banane verboten“ dann wissen die Leute trotzdem nicht über die Alternative zur Banane Bescheid. Für den Anfang hilft es nach Gruppen zu suchen, die sich schon länger mit dem Thema beschäftigen.

Zum Beispiel startet das seit 2008 gegründete Slow Food Youth Network viele unterschiedliche Aktionen, wie einen Ausflug zum Ziegenhof, um wieder Anknüpfungspunkte zu finden. Und man muss sich selbst auch einfach die Zeit geben, um aus dieser Supermarkt-Welt herauszukommen. Wenn ich unterwegs am Straßenrand einen Imker mit seinem Honig sehe, dann nehme ich mir kurz die Zeit, um ihn zu fragen, wie es den Bienen geht und in welchen Gebieten sie fliegen. Mit den Leuten zu sprechen, die unsere Lebensmittel herstellen, ist ein guter Anfang.

Macht Slow Food glücklich?

Ja, macht es! Weil man sich wieder als Mensch spürt. Wenn dir jemand seinen Bauernhof, seine Tiere und seine Gemüsesorten auf dem Feld zeigt, dir zeigt, woher dein Essen eigentlich kommt, dann gibt es dir und dem Bauern ein unheimlich gutes Gefühl. Je näher man an den ursprünglichen Produkten dran ist, desto mehr Menschlichkeit spürt man auch.

Dein Rezept für Anfänger?

Mein Rezept? Versuche eine Woche nicht im Supermarkt einzukaufen und überleg dir, wie du anders an deine Lebensmittel rankommst. Geh’ mal wieder auf den Wochenmarkt, fahr zum Hofladen oder besuche einen echten Bäcker.

Danke für das Interview, Hendrik! Doch eine Frage habe ich noch, was hat es eigentlich mit dem Zylinder auf sich? 

Mir ist aufgefallen, dass bei großen Konferenz oder Slow-Food-Treffen die Leute oft in unterschiedlichen Trachten mit Wiedererkennungswert kamen. Meine Tracht ist der Zylinder. Ich war bei einem Hutmacher in Regensburg, der übrigens auch schon einen Hut für Jonny Depp gemacht hat, einer der Letzten seiner Zunft. Der Hut ist also handgemacht, aus Hasenhaaren. Es hat drei Tage gebraucht, um ihn fertigzustellen. „Mut zum Hut“, sage ich nur!

Hendrik haase

© Falk Wenzel

Hallöchen, ich bin Christina. Ich wollte schon von klein auf die Welt retten. Und zwar die ganze. Zugegeben, das grenzt an Größenwahnsinn. Als ich älter wurde, beschloss ich, erstmal bei mir anzufangen: bewusst konsumieren, langlebige Produkte kaufen und reparieren statt wegwerfen. Nebenbei offene Ohren und Augen haben für das, was in der Welt so passiert und wo man etwas tun kann, damit es allen etwas besser geht. Um das herauszufinden, war ich viel im Ausland unterwegs, besonders in Afrika und Skandinavien, habe in sozialen und ökologischen Projekten mitgearbeitet und viele interessante Menschen kennengelernt. Wieder zurück in meiner Heimat, halte ich nun für euch von Hamburg aus Augen und Ohren offen und schreibe auf re:BLOG über Tricks und Kniffs, wie ihr euren Alltag mit Spaß und Kreativität nachhaltiger gestalten könnt. Let it re!

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