Schief ist schön: Essen retten (Teil 1)

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Wir ernähren uns möglichst von regionalem Obst und Gemüse. Das fällt im Som­mer und Herb­st mit bunt gefüll­ten Mark­t­stän­den sehr leicht, wird im Win­ter bis zum Früh­lings­be­ginn aber wirk­lich zu ein­er Her­aus­forderung und auch wir kom­men dann ab und zu an den Punkt, an dem wir etwas anderes als Äpfel und Kohl essen möcht­en. Heute ist es selb­stver­ständlich, dass wir das ganze Jahr über frische Lebens­mit­tel aus der ganzen Welt beziehen. Dabei vergessen wir nicht nur, mit der Natur und ihren Jahreszeit­en zu leben, son­dern oft auch den enor­men Aufwand, der betrieben wird, um uns das ganze Jahr über meist geschmack­sar­men Zuc­chi­ni oder Tomat­en auf den Tisch zu zaubern.

CulinaryMisfits_Herzkartoffel

© Culi­nary Misfits

Unsere Über­flussge­sellschaft führt zu ein­er enor­men Lebens­mit­telver­schwen­dung: 50 Prozent aller Lebens­mit­tel wer­den wegge­wor­fen. Das begin­nt schon auf dem Feld, indem bere­its alles entsorgt wird, was nicht per­fekt geformt ist und nicht der Norm entspricht. Das kann bis zu einem Drit­tel der Ernte sein! Äpfel müssen groß und rund sein und leuch­t­end rot glänzen, Gurken und Möhren kom­men nur ger­ade ins Regal, eine Kartof­fel gle­icht der anderen. Im Einkauf­sko­rb lan­det nur, was auch ästhetisch schön ist. Dabei sind es doch ger­ade die dreibeini­gen Möhren, herzför­mi­gen Kartof­feln und krum­men Gurken, die so char­mant sind, dass sie mehr Aufmerk­samkeit verdienen.

CulinaryMisfits_Porträt

© Mar­cus Reichmann

Das find­en auch die bei­den Grün­derin­nen der „Culi­nARy MiS­fiTs“ Lea Brum­sack und Tan­ja Krakows­ki. Sie haben es sich zum Ziel gemacht, das aussätzige Obst und Gemüse vorm Müll­con­tain­er zu ret­ten. Sie sagen, dass es nicht nur genau­so gut wie das „Nor­mgemüse“ schmeckt, son­dern sog­ar noch bess­er! Ich habe die bei­den getrof­fen und über ihr Pro­jekt ausgefragt.

Lebens­mit­tel zu ret­ten ist die eine Sache, aber in eurem eige­nen Laden in Berlin daraus auch noch selb­st gekochte oder eingemachte Köstlichkeit­en zu zaubern und Work­shops zu geben noch ein­mal eine ganz andere. Ihr scheint euch mit Leib und Seele diesem großar­ti­gen Pro­jekt ver­schrieben zu haben. Wie kamt ihr auf die Idee der „Culi­nARy MiS­fiTs“ und wie hat sie euer Leben verändert?

Anfangs stand zunächst allein der Wun­sch, über­haupt erst­mal auf diese The­matik aufmerk­sam zu machen. So fin­gen wir vor drei Jahren an, das natür­liche Gemüse mit all seinen Eck­en und Kan­ten auf pos­i­tive Art zu präsen­tieren. Als Gestal­terin­nen war uns klar, dass dies nicht mit Dog­ma­tismus, son­dern mit Ästhetik und Lei­den­schaft geschehen sollte. Und so wurde aus Food-Aktivismus auf der Straße ein Konzept mit Cater­ing und Food-Konzepten bis hin zu unserem Konzept-Laden-Café in Kreuzberg.

CulinaryMisfits_Restaurant

© Culi­nary Misfits

Erzählt uns doch ein biss­chen über die Leck­ereien aus eurem MiS­fiTs Laden­café und der Gemüsew­erk­statt! Was genau macht ihr aus dem geretteten Gemüse und wie kommt ihr auf eure Rezep­tideen für beispiel­sweise Karotteneis?

Unseren Laden ver­ste­hen wir als bege­hbares Konzept, welch­es viele Ideen und Möglichkeit­en zu den The­men Vielfalt, Region­al­ität, alte Sorten und Mis­fits vere­int. So sind wir für den einen Gast ein Ort der Inspi­ra­tion – von der visuellen Erschei­n­ung bis hin zur aktiv­en Mit­gestal­tung bei einem Work­shop oder ein­er abendlichen Ess-Veranstaltung – und tagsüber vielle­icht ein­fach nur ein Ort, wo kleine Leck­ereien aus verzwirbel­ten Möhren oder Top­inam­bur gegessen wer­den können.

Für den Catering- und Ver­anstal­tungs­bere­ich exper­i­men­tieren wir viel. Warum nicht Bete auch mit Schoko­laden verbinden oder eben süßes Eis aus Möhrchen? Die Ideen entste­hen meist aus ein­fach Grun­drezepten gepaart mit unser­er regionalen Note. Es kommt auch mal vor, dass beispiel­sweise die Flotte Lotte – das Passierg­erät für Früchte – Ursprung ein­er Rezep­tidee ist.

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© Culi­nary Mis­fits / Hen­drik Haase (rechts oben)

Ihr bekommt eure Mis­fits von Bio-Bauern aus der Region. Seid ihr bewusst auf bes­timmte Land­wirte zuge­gan­gen, weil sie zum Beispiel beson­dere Obst und Gemüs­esorten anbauen, oder hat sich die Zusam­me­nar­beit eher zufäl­lig ergeben?

Unser Bauern­net­zw­erk beste­ht vor­wiegend aus kleineren Land­wirtschafts­be­trieben, da wir bish­er auch nur kleine Men­gen ver­ar­beit­en. Sie unter­schei­den sich sowohl in ihrem Sor­te­nange­bot als auch in der Anbauart. Es sind Bio-Bauern; einige arbeit­en auss­chließlich mit samen­festen Sorten – also Saatgut, welch­es über Gen­er­a­tio­nen ver­mehrt und erhal­ten wer­den kann.

Die ersten Kon­tak­te zu den Land­wirten waren gezielt aus­gewählt, also Bauern, die beson­dere Sorten haben oder sich bere­its auf kleinen Märk­ten präsentierten.

Wie waren die Reak­tio­nen der Bauern auf eure Idee?

Anfangs war unser Vorhaben doch etwas über­raschend, nach dem Mot­to „Was haben die Städ­terIn­nen für lustige Ideen“. Mit­tler­weile ist das The­ma in aller Munde und somit kon­nten wir wom­öglich ein gutes Stück Vorar­beit leis­ten. Einige Bauern bieten jet­zt wohlwol­lend in ihrer Ange­bot­sliste die zweite-Wahl-Kategorie an.

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© Culi­nary Misfits

Lest näch­ste Woche den zweit­en Teil des Inter­views mit Culi­nARy MiS­fiTs und erfahrt außer­dem, was es mit der Berlin­er Man­u­fak­tur DÖRRWERK auf sich hat. 

Titel­bild: © Culi­nary Misfits

Echtes Handwerk: Mühlen, Müller und ihre Mehle

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In Kindertagen begegnen uns Mühlen häufig in Märchen und Liedern. Es gibt die klappernde Mühle am rauschenden Bach, die Wanderlust des Müllerburschen oder die schöne und kluge Müllerstochter. Mühlen sind ein Kulturgut. Und es gibt sie natürlich noch immer – doch nur selten am rauschenden Bach. Alte Mühlen sind, wenn nicht verfallen, oft umfunktioniert zum Wohnhaus, Restaurant oder Museum. Traditionelle, handwerklich arbeitende Mühlen, die gewerblich mahlen und dabei auf die ursprüngliche Energienutzung von Wind oder Wasser zugreifen, sind mittlerweile etwas ganz Besonderes. Mehl mahlen heute Heutzutage stehen Mahlmaschinen in Industriebauten und sind optisch nicht mehr von anderen Häusern zu unterscheiden. Hier wird…

Hi, wir sind Susann und Yannic, seit 2006 ineinander verliebt, leben und arbeiten wir als Fotografen in Berlin. Wir lieben es zu essen und zu kochen, ernähren uns seit vielen...

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