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Tschüss, Deutschland – Eine Anleitung zum Auswandern

Vor über einem Jahr fassten mein Mann und ich den Entschluss auszuwandern. Wohin? Nun, für uns gab es drei Optionen: Australien, Neuseeland oder Kanada. Neuseeland war dabei mein absoluter Liebling. Mir gefiel der Gedanke, so richtig weit weg zu sein. Die Insel war meinem Mann dann doch etwas zu weit weg von Allem und Jedem. Australien wäre unsere „Notlösung“ gewesen, also fokussierten wir uns auf Kanada und planten die Auswanderung.

kanada berge idylle

Der erste Schritt war der wohl unangenehmste von allen. Wir mussten es unseren Familien sagen. Verständlicherweise schlägt einem bei sowas keine Welle der Begeisterung entgegen. Unsere Freunde reagierten relativ gefasst. Die erste Frage, die uns von nahezu allen gestellt wurde, war: „Aber warum denn? Ihr habt doch hier alles!“

Warum auswandern?

Wir hatten wirklich alles, was man sich wünschen kann. Warum also gehen und alles hinter sich lassen? Jetzt wäre doch der perfekte Moment, sich endlich zurückzulehnen und das Geschaffene zu genießen. Zudem bin ich ein Mensch, der wirklich gerne zu Hause ist und eine gewohnte Umgebung schätzt – eben ein Nestbauer und Nesthocker (vielleicht auch wegen meinem Beruf?). Aber ich war auch spontan und offen für Neues. Mein Mann war beruflich schon immer international unterwegs, sehr flexibel und genügsam. Und wir sagten uns, wenn wir es nicht jetzt machen, dann machen wir es nie.

kanada wildnis british columbia

Schritt 1: Ausmisten

Also fingen wir an zu planen und zu verkaufen. Anfangs hielt ich fest an dem Gedanken, dass ich nicht ohne meine geliebten Möbel, Lampen und Accessoires gehen kann und wir unbedingt einen Container brauchen. Aber mit der Zeit fängt man an auszumisten und merkt, dass es eben doch nur Dinge sind. Und so besaß ich nach 8 Monaten eBay Kleinanzeigen, Hausflohmärkten und Müllpresse nur noch sage und schreibe 8 Kisten gefüllt mit meinen liebsten Sachen und Andenken. Und soll ich Euch was sagen? Es ist ein wirklich unbeschreiblich befreiendes Gefühl, so wenig zu besitzen. Das letzte Mal, dass ich so wenige Sachen hatte, war wahrscheinlich mit 10!

Schritt 2: Haus verkaufen

Am aufregendsten war der Hausverkauf. Wir wohnten in einem tollen, neuen Haus im Speckgürtel Frankfurts, so dass ich die Anzeige nach 1 ½ Tagen aus dem Internet nehmen musste, weil wir uns vor Anfragen nicht mehr retten konnten. Die Menschen erkannten das Haus sogar von den Bildern im Internet und standen plötzlich unangemeldet vor der Tür. Nach den ersten 10 Besichtigungen hatten wir 10 Angebote und sagten die anderen Termine ab. Und dann lief es wie auf einer Auktion und die Interessenten überboten sich gegenseitig.

Schritt 3: Der Abschied aus der alten Heimat

Die Monate bis zum Tag X waren also mit viel Arbeit verbunden und es gab nur selten Momente in denen man zur Ruhe kam, um eigentlich zu bergreifen, was man da gerade tat. Besagte Momente gab es, wenn wir Wandern waren. Wir fragten uns, wie es wohl sein wird, nächstes Jahr um diese Zeit? Wo werden wir wohnen? Wie wird es sein? Wird es uns gefallen? Mein Mann kündigte seinen Job und ich eröffnete meinen Kunden, dass ich bald weg sei. Es gab also kein Zurück mehr. Und so war ruck-zuck Herbst und im Haus schallte es immer mehr, weil es so leer war. Die Übergabe fand zwei Tage vor Abreise statt. Die letzten Tage verbrachten wir bei unseren Familien, bestanden aber darauf allein zum Flughafen zu fahren. Ich glaube, sonst hätten die mich mit meinem verquollenen, verheulten Gesicht nicht an Bord gelassen.

Schritt 4: Ankommen

Und ganz plötzlich sitzt man da. Im Flieger nach Vancouver. Mit zwei Koffern pro Nase. Das wenige Hab und Gut im Keller bei Mama eingelagert, die Zukunft komplett ungewiss. Das war ein wirklich sehr seltsames Gefühl. Eine Mischung aus Erleichterung, Aufregung, Anspannung aber auch Zuversicht und Vertrauen.

vancouver stadt hafen
Wir waren beide noch nie vorher in Kanada gewesen. Was übrigens oft Kopfschütteln auslöste. Wir waren aber davon überzeugt, dass sich eine neue Heimat nicht in einem Urlaub aussuchen lässt. Im Urlaub ist immer alles toll und aufregend. Bei Pannen und Dingen, die einem nicht so gefallen, drückt man im Urlaub eher mal ein Auge zu. Bei uns gibt es nur ganz oder gar nicht. Also mussten wir „richtig“ hier her. Die ersten Monate in Kanada verbrachten wir mit Reisen. Wir schauten uns gleichzeitig danach um, wo es uns am besten gefiel, wo es gute Jobs und für mich potentielle Kunden gab. Schnell stand fest, dass British Columbia unser neues Zuhause wird und wir uns im Großraum Vancouver niederlassen möchten. Und hier sind wir nun, an der Westküste Kanadas.

vancouver strand pazifik

Schritt 5: Einen neuen Alltag aufbauen

„Nächstes Jahr um diese Zeit“ ist JETZT.
Und es ist wirklich Wahnsinn, was wir alles geschafft und erlebt haben. Ich bin wirklich stolz auf uns und wir haben unsere Entscheidung an keinem einzigen Tag bereut. Das liegt natürlich auch an der atemberaubenden Natur Kanadas und den freundlichen Menschen. Das Land und seine Bewohner machen es einem wirklich einfach, sich hier wohl zu fühlen. Gestern sind wir zum Beispiel von unserem ersten Campingtrip heim gekommen. Zum ersten Mal lag ich in einem Zelt und hörte Coyoten heulen, Weißkopfseeadler über meinem Kopf schweben und hatte Bammel vor Bären und Pumas. Und morgen sitzen wir in Vancouver Downtown unter Palmen und essen frischen Fisch aus dem Pazifik. Es ist wirklich nicht schwer, es sich hier gut gehen zu lassen.

kanada bergsee rocky mountains

Ein Fazit

Die Familie fehlt uns natürlich und wir können die Besuche kaum erwarten, um ihnen unser Kanada zu zeigen. Aber dank moderner Technik fühlt man sich näher als gedacht und so lässt sich das Vermissen besser ertragen. Ich sage nicht, dass es einfach war oder ist. Das Projekt „Auswandern“ hat uns etliche Monate der Organisation, Vorbereitung und Arbeit und Nerven und unglaublich viel Geld gekostet. Natürlich würde ich lieber ohne Navi durch die Gegend fahren oder ohne Wörterbuch App auf dem Handy durch die Stadt laufen. Natürlich wurden viele Tränen vergossen und es gab Momente in denen man sich fragte, warum man sich das überhaupt alles antut. Aber es ist die wahrscheinlich intensivste Erfahrung unseres Lebens und ich kann es nur jedem empfehlen. So kitschig es klingt, aber eine Auswanderung erweitert den Horizont ungemein. Ich meine, allein schon ein Supermarktbesuch wird hier zum Erlebnis. Jede Nationalität hat hier seine eigenen Regale. Sehr zum Leiden meines Mannes artet ein Einkauf also zu einem stundenlangen Ausflug aus, so dass ich mittlerweile alleine einkaufen gehe. Auf das neue Nestbauen freue ich mich trotzdem und bin schon gespannt, was es wird. Vielleicht eine Blockhütte in den Bergen, vielleicht eine Ranch, vielleicht ein Haus am See?
Egal, Hauptsache glücklich.

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