Bridge&Tunnel – Social Design aus Hamburg

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Direkt an einem idyllischen Kanal in Hamburg Wilhelmsburg liegen im zweiten Stock eines großen Gewerbehofs Firmensitz und Werkstatt des Social Design Labels „Bridge&Tunnel“. Und das entwirft und produziert nicht nur Upcycling-Design, sondern integriert auch Zuwanderinnen in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt – ein Besuch in dem Vorzeigeprojekt.

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„Die Damen, es wird fotografiert“, ruft Constanze Klotz fröhlich, „wer also ein Kopftuch aufsetzen möchte …“ Die Damen grinsen und so manches Haar verschwindet unter einem Tuch, dann wird weitergenäht. Klotz ist eine der zwei Gründerinnen des Labels „Bridge&Tunnel“ und studierte Kulturwissenschaftlerin.

Schon während der IBA Hamburg (Internationale Bauausstellung) hat sie hier auf der Etage ein Projekt betreut – „das Stoffdeck“ – ein „Co-Working Place“, in dem professionelle Designer aber auch Menschen aus dem Stadtteil mit und ohne Migrationshintergrund die Nähmaschinen nutzen konnten. „Mit der Zeit hatten wir so viele tolle Frauen kennengelernt, die keine Arbeit hatten, aber richtig gut nähen konnten – daraus musste einfach etwas entstehen!“

Bridge&Tunnel: We Design Society

bridge and tunnel gruenderinnen

Entstanden ist daraus Bridge&Tunnel, ein Designlabel, das nicht nur ziemlich coole Jeanstaschen, Rucksäcke und Sitzsäcke produziert, sondern ein Sozialunternehmen mit Vorzeigecharakter ist. Der Slogan des Labels „we design society“ ist also ziemlich wörtlich zu nehmen: Zum Team gehören Frauen aus der Türkei, Afghanistan und Indien, die zwar schon seit vielen Jahren in Deutschland leben, auf dem Arbeitsmarkt aber keine Chance hatten, weil etwa die nötigen Abschlüsse oder Zeugnisse fehlen.

Ende des Jahres fangen im Zuge der Flüchtlingskrise auch erste Näherinnen und Näher, die gerade erst in Europa angekommen sind, mit einem Praktikum an. „Wir begleiten unsere Mitarbeiterinnen zu Ämtern oder helfen bei Übersetzungen. Unsere Werkstattsprache ist aber Deutsch – wir wollen ja zur Integration beitragen“, erklärt Klotz.

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Aber auch Deutsche wie etwa Bärbel Behncke werden hier integriert – „mit Mitte 50, die Kinder aus dem Haus, hatte ich plötzlich keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt.“ Bei Bridge&Tunnel ist das Gegenteil der Fall: Bärbels Erfahrung ist gefragt. „Und großen Spaß macht die Arbeit hier auch“, sagt Bärbel und zeigt stolz die Qualität und das Design der neuesten Taschen.

Jedes Stück ein Unikat

bridge and tunnel tasche

Für das Design ist Co-Gründerin und Werkstattleiterin Lotte Erhorn zuständig. „Ich wohne hier im Viertel, meine Kinder sind noch klein und da hab ich mir ganz frech einen Teilzeit-Design-Job mit Sinn gewünscht. Kurz danach kam Constanzes Suche auf Facebook und ich dachte: Das gibt´s ja nicht – das ist es!“ Aus Lotte und Constanze ist ein „Dreamteam“ geworden – und nun entwirft Lotte die Shopper, Rucksäcke, Sitzsäcke und Accessoires.

Gerade sind neue Laptop-Taschen fertig – aus verschiedenen schwarzen Jeans, mit knallbunten Reißverschlüssen. Logischer Weise wird so jedes Stück ein Unikat. Ziemlich cool – ein hippes Patchwork. „Klar“, sagt Lotte: „Es muss schon auch gut aussehen und Style haben. Wir wollen ja nicht aus Mitleid gekauft werden, sondern weil wir richtig gutes Design machen.“

Die ganze Kollektion wird derzeit aus alten, gebrauchten Jeans hergestellt. Die stammen u.a. von Kleiderkammern, säckeweise. Immer häufiger bringen auch Leute einfach eine Spende vorbei. „Auch Bedürftige möchten keine Hosen oder Jacken mit Löchern tragen. Genau diese Ware, die sonst an den Verwerter geht, kaufen wir den Kleiderkammern ab. Zumal der Rohstoff Jeans viel zu kostbar und zu aufwendig in der Produktion ist, um ihn nur wegen eines Loches wegzuwerfen“, erklärt Klotz.

Aus blauen Müllsäcken zieht sie verschiedene Exemplare. „Fester Jeansstoff ohne Stretchanteil ist für uns am besten geeignet – die dünnen Hosen, die nur für ein paar Wochen taugen, können selbst wir nicht mehr verarbeiten.“

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Neben der sozialen Integration als Philosophie ist Bridge&Tunnel eben auch ein Upcycling-Unternehmen, das ökologisch nachhaltig denkt. „Es muss ja insgesamt sinnvoll sein,“ sagt Lotte, „zum Glück denken immer mehr Menschen so – und hoffentlich irgendwann dann mal alle.“

Auf Jeans festlegen wollen die zwei sich aber nicht: „Sollten demnächst lauter Segeltücher im Reißwolf landen, weil die keiner mehr braucht, obwohl sie noch gut sind, würden wir dann die verarbeiten – es geht darum, schonend mit Ressourcen umzugehen. Und nicht darum, dass wir ein Jeanslabel sind.“

Ausgezeichnete Idee

Ziemlich gute, ziemlich durchdachte Idee. Von Anfang an stießen Constanze und Lotte deshalb auf offene Ohren bei Unterstützern: Sie bekamen im Mai 2015 eins der begehrten „Social Impact Start“- Stipendien, um die Idee überhaupt zum Projekt, und dann zu einem Unternehmen ausbauen zu können. Wenig später erhielten sie schon den „Hidden Movers Award“, gehörten zu den Gewinnern der „Kreativ- und Kulturpiloten 2015“ und wurden dieses Jahr von der Bundesregierung und dem BDI zu einem der „100 ausgezeichneten Orte“ im „Land der Ideen“ erklärt.

„Das Stipendium hat uns sehr viel gebracht – auch den Austausch mit anderen Gründern“, sagt Constanze „und die Preise und Auszeichnungen sind natürlich ein Motivator und Ansporn – für alle hier, auch für unsere Mitarbeiterinnen!“ Constanze lächelt und schaut rüber in die Werkstatt. „Ist schon toll, dass das jetzt Wirklichkeit ist.“

Falls ihr euch einmal selbst am Upcycling probieren möchtet, könnt ihr hier sehen, wie ihr einem alten Hemd eine zweite Chance geben könnt.

Hallo, mein Name ist Laura. Im zarten Alter von fünf Jahren stellte ich meiner Mutter folgende Frage: „Warum bin ausgerechnet ich ein Bio-Öko-Kind?“ Damals wie heute sind für mich in punkto Nachhaltigkeit pragmatische Lösungen meistens die besten und so war ich mit der Antwort meiner Mutter vollauf zufrieden: „Manche Dinge kann man sich eben nicht aussuchen.“ Die logische Konsequenz daraus ist für mich, den Dingen auf den Grund zu gehen, denn nur wer die Zusammenhänge kennt, kann Nachhaltigkeit im Alltag umsetzen. Dabei ist re:BLOG für mich die perfekte Plattform, um neue Dinge zu entdecken, Meinungen auszutauschen und das frei von Dogmatik und erhobenem Zeigefinger.

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