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Stimmt’s? 5 Klischees über den Jakobsweg

Ich habe mir im letzten Sommer einen 20 Jahre alten Traum erfüllt und bin auf dem Jakobsweg von meiner Haustüre in Nürnberg bis Santiago de Compostela und Finisterre gepilgert. Meine Route führte mich zunächst an den Bodensee, danach durch die Schweiz bis Genf, weiter auf der Via Gebennensis und der Via Podiensis durch Frankreich, dann auf dem berühmten Camino Frances bis Santiago de Compostela und schließlich zum Atlantik.

Unterwegs habe ich jeden Abend einen Tagesbericht geschrieben. Diese gibt es nun komplett überarbeitet und mit 500 Fotos in Form des E-Books „Einfach bewusst auf dem Jakobsweg – 2904 km, 108 Tage, 4 Länder“.

Im Laufe meiner Wanderschaft wurde mir bewusst, dass ich ein falsches Bild vom Jakobsweg im Kopf hatte. Die meisten Bücher, Filme, Fotos und Gespräche über den berühmten Pilgerpfad (fast hätte ich Pilgerstraße geschrieben) zeigen nur die halbe Wahrheit – und zwar die Schokoladenseite. Höchste Zeit also, mit den Klischees aufzuräumen.

Klischee #1: Du triffst bereits in Deutschland Pilger

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Am Abend des 20. Tags schrieb ich im Kloster Fischingen in der Schweiz folgendes in meinen Tagesbericht: „Ich quartiere mich im Matratzenlager ein und bleibe wieder allein. Morgen bin ich drei Wochen unterwegs und habe ich noch keinen einzigen Pilger getroffen. Vielleicht hilft beten: O Herr, lass Pilger kommen!“ Anderntags wurden meine Gebete tatsächlich erhört. In der Pilgerherberge Rapperswil hatte ich meinen ersten Pilgerkontakt und zwar gleich sechsfachen: Ein Deutsch-Schweizer Pärchen, eine US-Amerikanerin, eine Österreicherin und zwei Deutsche. Niemals hätte ich gedacht, dass ich in Deutschland keinen einzigen und in der Schweiz erst am Abend des dritten Tags Pilger oder Fernwanderer zu Gesicht bekomme.

Klischee #2: Der Jakobsweg ist landschaftlich reizvoll

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Nach der Etappe von Pamplona nach Lorca auf dem Camino Frances machte ich diesen Eintrag: „Ich fürchte, ich muss den Jakobsweg (auf meiner Route ab Nürnberg) als den vielleicht hässlichsten Fernwanderweg der Welt bezeichnen.“ Zu oft hatte mich die Route in den 80 Tagen zuvor landschaftlich enttäuscht. Zu oft führte sie durch Ortschaften, Städte und zersiedeltes Gebiet. Zu oft pilgerte ich in Hörweite großer Straßen. Hochspannungsleitungen, Windräder, Industrieanlagen und der Müll links und rechts trugen auch nicht zur Verschönerung bei. Den meisten Pilgern schien das nichts auszumachen. Der Jakobsweg hat seine Stärken woanders – in der perfekten Infrastruktur, in seiner angenehmen Atmosphäre und in den Begegnungen mit Menschen aus aller Welt.

Klischee #3: Alle Pilger tragen riesige Rucksäcke

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Unter den Langzeitpilgern war ich mit meinem 32-Liter-Rucksack der minimalistische Exot. Doch die wenigsten Pilger starten heutzutage noch von zu Hause aus. Die meisten sind zwei bis drei Wochen unterwegs und sind entweder nicht das erste mal auf dem Jakobsweg oder haben sich vorab informiert, was man wirklich benötigt. Übermäßig große Rucksäcke sieht man selten. Auf dem Camino Frances – v. a. auf den letzten Etappen – gehen viele ohne Gepäck oder mit einem Tagesrucksack. Sie nutzen den von den Herbergen perfekt organisierten Gepäcktransport.

Klischee #4: Der Weg gibt Dir nicht das, was Du willst, sondern das, was Du brauchst

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Diese Weisheit liest man oft und hört man unterwegs noch viel öfter. Den ersten Teil kann ich bestätigen. Den zweiten Teil verstehe ich nicht. Natürlich kann man jede Niederlage und alles Nervtötende als Chance zum Wachsen oder als Prüfung annehmen. Aber warum zum Teufel soll ich ein Dutzend offener Blasen an den Füßen brauchen, warum die nicht enden wollenden Asphaltpassagen, warum die „The camino is such an huge experience“-Pilger aus den USA, warum … ?

Klischee #5: Als Veganer verhungerst Du auf dem Jakobsweg

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Am Abend der 41. Etappe notierte ich in Faramans in der französischen Region Auvergne-Rhône-Alpes: „Heute wird auf dem Bauernhof mit Geflügelzucht végétalien, also vegan gekocht. Meine Gastgeberin zaubert vier Gänge mit Zutaten aus dem eigenen Garten auf den Tisch. Als ich die Köchin nach dem Mahl als Pauline Bocuse bezeichne, lacht ihr Mann schallend und holt den Digestif. Zuvor gab es schon einen Pastis als Aperitif und Rotwein zum Essen. Leben wie Gott in Frankreich. Die Leber wächst mit ihren Aufgaben.“ Mittags hatte ich mir bereits einen Couscoussalat (Couscous quellt auch mit kaltem Wasser) mit Kichererbsen und frischen Tomaten gemacht. Auch an den restlichen 107 Tagen in den Fleisch- und Käseländern Deutschland, Schweiz, Frankreich und Spanien war es einfach, etwas Pflanzliches zwischen die Kiemen zu bekommen. Entweder plünderte ich einen Tante-Emma-Laden und kochte in der Herberge selbst oder ließ ich mich in der Unterkunft wie von Pauline Bocuse kulinarisch verwöhnen oder fand ich etwas auf der Speisekarte. In Spanien bekam ich meist sogar ein dreigängiges Pilgermenü, z. B. Salat, Nudeln mit Tomatensauce und Obst.

Martin Luther riet bereits im 16. Jahrhundert vom Jakobsweg ab: „Lauf nicht dahin, man weiß nicht, ob Sankt Jakob oder ein toter Hund daliegt.“ Ich halte mich mit solchen Aussagen zurück. Ich hatte durchaus eine gute Zeit zwischen Nürnberg und dem Atlantik. Allein schon das tägliche Gehen ist eine Wohltat für Seele und Körper. Ob es gerade dieser Pilgerweg sein muss, sei dahingestellt. Wer das Naturerlebnis sucht, für den könnte einer der Fernwanderwege in Deutschland oder Europa interessanter sein. Wer aber nach diesem Artikel noch neugierig auf den Jakobsweg ist, sollte ihn auch gehen. Wäre doch ärgerlich, im hohen Alter dann sagen zu müssen: „ach hätte ich bloß“ …

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