Nachhaltig reisen – eine Checkliste

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Wer im Alltag auf ökologische Verantwortung achtet, hat im Blick, woher seine Produkte und Lebensmittel kommen, bevorzugt Mehrweg, Öko-Strom, das Fahrrad und die Bahn. Aber nachhaltiges Reisen? Was ist das überhaupt? Oder, ganz provokant gefragt: Ist es aus Umweltsicht nicht sowieso am allerbesten, gar nicht zu reisen? Jein… denn klar, Reisen verursacht fast immer CO2. Aber wer reist, lernt andere Menschen, Kulturen, Landschaften und einzigartige Natur kennen und erweitert seinen Horizont, getreu dem Motto von Konrad Lorenz: Nur was der Mensch kennt, lernt er lieben und schützen. Hier ein paar Aspekte, über die man sich zumindest ein paar Gedanken machen sollte, bevor es losgeht.

Check 1: Reiseziel mit Bedacht auswählen

Aus Nachhaltigkeitssicht ist das Reiseziel das A und O. Der Wochenendtrip nach New York oder die Sonne in der Karibik genießen fallen wegen der langen Anreise im Flugzeug schon mal weg. Macht aber nichts: Europa bietet eine einzigartige Ansammlung geschichtsträchtiger wie überraschend moderner Städte. Und mit den Pyrenäen, den Alpen und unzähligen Mittelgebirgen sowohl großartige Berglandschaften als auch Traumstrände am Atlantik oder Mittelmeer. Noch besser sind allerdings Nahziele. Wer in Deutschland bleibt, wird überrascht sein, was es alles zu entdecken gibt, von kulturellen Perlen bis zu Wildnissen gleich um die Ecke.

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Check 2: Mit Umsicht anreisen

Die beste Wahl für Reisen unter tausend Kilometer ist die Bahn, der Bus oder die Fahrgemeinschaft, am besten im Elektroauto. Wer weiter weg möchte, kommt allerdings an einem Flug oft nicht vorbei – die Urlaubstage sind begrenzt, man möchte möglichst bequem und flott ans Ziel kommen. Bei der Flugbuchung sollte man deshalb darauf achten, Umwege und unnötige Starts und Landungen zu vermeiden. Zahlungen an Kompensationsagenturen wie Atmosfair, Myclimate oder Arktik unterstützen Klimaschutzprojekte weltweit und gleichen den CO2-Footprint von Flügen, aber auch z.B. von Kreuzfahrten teilweise aus. Der Haken an diesem modernen Ablasshandel: Er beruhigt zwar das Gewissen, funktioniert aber leider nur rechnerisch. Denn die Entstehung von Ozon und den Abbau von Methan in der Atmosphäre durch ausgestoßene Stickoxide können auch die Zahlungen nicht verhindern oder rückgängig machen. Genauso wenig wie die Bildung von Kondensstreifen – vor allem die langlebigen sind ein Problem –, die die Wolkenbildung und damit die Intensität des Sonnenlichts beeinflussen. Deshalb: Kompensationszahlungen sind schon eine gute Idee, möglichst wenig zu fliegen aber eine noch viel Bessere. Und Wochenend-Kurztrips per Flieger sollten sich vor dem Hintergrund sowieso gänzlich erübrigen.

Check 3: Familiäre Unterkünfte bevorzugen

Wie im Reiseland gewohnt wird, hat Einfluss auf die Erlebnisse und ist mit etwas Glück im besten Sinne sogar selbst eins. Familiengeführte Hotels und Pensionen sind besser als große Hotelketten: Sie sichern nicht nur Arbeitsplätze, sondern unterstützen durch regionalen Einkauf oft die lokalen Erzeuger. Auf den Tisch kommen zudem bestenfalls frische regionaltypische Speisen. Durch den direkten Kontakt mit Gastgebern bekommt man on top noch den einen oder anderen wertvollen Tipp, etwa für Aktivitäten und Ausflüge.

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Check 4: Land und Leute verstehen

Wer fremde Länder und Menschen besucht, sollte um deren Kultur und Geschichte wissen – zumindest ein wenig. Reiseführer, Reisetagebücher, Reiseblogs und -portale berichten aktuell vom Zielort und klären Alltagspraktisches: Was gilt als höflich, was als unhöflich? Wieviel Trinkgeld ist angemessen? Auch immer eine gute Idee: die wichtigsten Worte in der Landessprache lernen. Schon die rudimentärsten Sprachkenntnisse öffnen Türen und Herzen.

Check 5: Nationalparks besuchen

Sanfter Tourismus ist in vielen Nationalparks ein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor. Ist er stark, haben konkurrierende Interessen wie Rohstoffgewinnung weniger Chancen. Deshalb bei der nächsten Reise vielleicht auch mal eine Tour mit Nationalpark-Rangern einplanen?

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Check 6: Vor Ort mobil

Öffentliche Verkehrsmittel, Bus, Bahn oder Schiff – am besten ist man auch vor Ort kollektiv unterwegs. Eine gute Alternative für aktive Individualisten sind Leihfahrräder. Viele Städte bieten inzwischen öffentliche Miet-Drahtesel an, die an Stationen geliehen und wieder abgestellt werden können, wie z.B. in Göteborg. Oder wie wäre es, eine Stadt statt im Sightseeing-Bus mal im Kanu zu entdecken? Der Klassiker: die Landschaft wandernd erobern – das ist viel intensiver als sich rumfahren zu lassen.

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Check 7: Essen wie die Einheimischen

All inclusive – klingt erstmal verlockend, doch die Qualität der Lebensmittel bleibt – wenn Konsumieren ohne Limit auf dem Programm steht – oft auf der Strecke. Viele große Hotels importieren ihr Essen, statt vor Ort einzukaufen. Und nach dem Buffet landen Tonnen an Nahrungsmitteln im Müll. Auch die Abwechslung lässt zu wünschen übrig, ganz zu schweigen von einem landestypischen und regionalen Angebot. Viel spannender ist es, in kleinen Gaststätten und Restaurants zu essen – am besten in solchen, in denen Einheimische sitzen und die nicht mit Aufstellern mit Fotos des Gereichten auf Touristenfang gehen. Lokale Siegel wie z.B. die Tiroler Wirtshäuser geben ebenfalls Aufschluss. Selbstversorger sind mit einem Gang zu örtlichen Märkten gut beraten.

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Check 8: Nachhaltige Souvenirs mitbringen

Statt Eifelturm oder Tower Bridge aus Plastik lieber lokale Handwerkskunst wie getöpferte Tassen oder regionale Spezialitäten wie Honig oder Kräutersalbe mit nach Hause bringen. Eine Erinnerung mit echtem Mehrwert! Warum wir Reisefedern uns schon länger nachhaltigen Souvenirs verschrieben haben, könnt ihr ausführlich hier lesen.

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… keine gute Idee

Die lokale Bevölkerung hat von All inclusive-Reisen außer Abfall und Lärm meist nichts. Die Gäste bleiben in den Hotelanlagen meistens unter sich und außerdem verschlingen Pools und Klimaanlagen Trinkwasser und Energie. Auch Kreuzfahrten sind wenig nachhaltig: Die schwimmenden Hotels fressen viel Energie und Schweröl verschmutzt die Meere. Selbst die besuchten Häfen haben wenig von kurzzeitigen Besucheranstürmen, denn gegessen und geschlafen wird meistens wieder an Bord. Natürlich auch ein No-Go: Länder in denen Menschenrechte verletzt werden. Grundsätzlich gilt: erst informieren, dann buchen.

Zusatzinfos: nachhaltiger Tourismus

Gütesiegel zum nachhaltigen und ökologischen Reisen:

Orientierung im Dschungel des nachhaltigen Tourismus bieten Gütesiegel, auch wenn es immer mehr werden und man langsam ein wenig den Überblick verlieren kann.

Das EU Eco-Label zeichnet Campingplätze und andere Unterkünfte aus, die Energie und Wasser sparen und Abfall vermeiden. Das Earth Check-Label tragen weltweit ausgezeichnete Restaurants, Hotels, Destinationen und Attraktionen. Tourcert verleiht ein Siegel für Nachhaltigkeit und Unternehmensverantwortung im Tourismus. Die Blaue Schwalbe zeichnet ökologisch und nachhaltig ausgerichtete Unterkünfte vom Hotel bis zum Zeltplatz aus. Im Forum anders reisen e.V. sind mehr als hundert Reiseveranstalter organisiert. Der Bund für Umwelt und Naturschutz e.V. gibt einen eigenen Katalog mit umweltverträglichen Reisen heraus. Die zertifizierten Bio-Hotels in Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern haben sich im Verein „Die Bio-Hotels“ zusammengeschlossen und stellen sich auf biohotels.info vor, Öko-Camper finden ihren Platz beim Ecocamping e.V.. Das Portal Naturnah Reisen legt Wert auf besonders schöne Landschaften und Naturpark-Nähe seiner Unterkünfte, einige Anbieter des sanften Tourismus haben sich außerdem auf der Webseite Eco-Ferien zusammengetan.

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet das Redaktionsteam Reisefeder unter anderem für Magazine wie Brigitte, Onlineportale wie Spiegel Online oder Reisebücher wie Merian. Anke hat Ökologie und Kommunikation studiert und war mehrere Jahre für die Öffentlichkeitsarbeit einer Umweltagentur zuständig, bevor sie sich als Journalistin und Buchautorin selbständig gemacht hat.

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