„Wir sind cool, wir machen einen Hackathon!“
Kultur im Digitalen

„Wir sind cool, wir machen einen Hackathon!“

Viel Show, kaum Mehrwert – wie sinnvoll sind Hackathons in großen Unternehmen?

27.2.2019 Von Michael Strothoff Lesedauer: 3 Minuten
Bunte Post-Its pflastern die Wände, konzentrierte Gesichter vor den Bildschirmen, Energydrinks als Wachmacher, Personen gestikulieren wild vor einem Flipchart. Kurzum: So geht es auf einem Hackathon zu. „Hackathon“ – ein Buzzword für modern, innovativ und cool.

Aber: Die Zahl der Skeptiker an diesem Format ist groß. Einer von ihnen ist die New Yorker Soziologin Sharon Zukin, die sich in einer Studie intensiv mit Hackathons beschäftigte. Heise online verwendete für ihre Ergebnisse die Überschrift: „Hackathons sind Selbstausbeutung“. So ist eine Erkenntnis der Studie: Hackathons führen kaum zu einem marktfähigen Produkt. Zudem gaben viele Firmen an, diese veranstalten zu müssen, um als cooles Unternehmen wahrgenommen zu werden. Sind also Unternehmen, die heute Hackathons veranstalten, wie Endvierziger in der Midlife Crisis, die nichts unversucht lassen, um nach außen jung, modern und auf gar keinen Fall altbacken zu wirken?

Das sind die InnoDays bei OTTO

Die InnoDays sind eine Art Hackathon. Das Ziel: viele Mitarbeiter aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen bei OTTO zusammenzubringen, um aus Ideen Wirklichkeit zu machen. Rund 130 Teilnehmer arbeiten drei Tage daran, diese Ideen nicht nur theoretisch zu durchdenken, sondern gemeinsam echte Prototypen zu hacken, etwas zum Zeigen und Ausprobieren zu entwickeln. Am Ende präsentieren die Teams ihre Ergebnisse einer Jury und realen OTTO-Kunden. Die Sieger werden dann in den regulären Strategie- und Produktentwicklungsprozess integriert.


Dr. Dirk Radtke empfiehlt da einen Perspektivwechsel. Er und sein Team kümmern sich um Fragestellungen rund um das Thema Zusammenarbeit, Führung, Selbstorganisation und New Work bei OTTO. Er meint: „Hackathons sollten in erster Linie nicht als reines PR-Instrument und für Recruting-Zwecke dienen“. Für ihn ziehen nicht das Markenimage oder das Recruting den größten Mehrwert aus dem Format, sondern die eigenen Mitarbeiter.

Viele erleben diese strukturarme Arbeit als hochgradig effizient und als Ansporn für die eigene Schaffenskraft

Dr. Dirk Radtke

Kreativer Zucker im getakteten Tagesgeschäft

Denn: Ziemlich viele Mitarbeiter begrüßen es, von Zeit zu Zeit eine Auszeit vom Tagesgeschäft zu nehmen und einfach mal etwas anderes zu machen. Ein Hackathon kann dafür ein schönes Instrument sein, vorausgesetzt, es wird richtig umgesetzt. Denn mit Cola und Flipcharts ist es nicht getan. So ist es wichtig, dass alle im Unternehmen hinter dem Event stehen. „Wenn im Vorfeld schon der Tenor herrscht „In drei Tagen schafft man ja eh nix, also machen wir das nur part-time und nach Feierabend“, dann ist die Motivation zur Teilnahme nicht die höchste und die Ergebnisse werden auch dementsprechend sein“ erklärt Dirk. Erfolgsversprechender: Unternehmen stellen eine grüne Wiese zur Verfügung. Also Zeit, Location sowie Equipment und pushen das eigene interne Event. Beim internen OTTO-Hackathon „InnoDays“ (siehe Infobox) ist beispielsweise ein Vorstandsmitglied Bestandteil der Jury, die die Ideen ganz genau unter die Lupe nimmt und am Ende die Sieger kürt. „Viele Hackathons sind häufig nur eine Gelegenheit für Entwickler sich alleine auszutoben. Ich empfehle einen anderen interdisziplinären Ansatz. Deswegen beteiligen wir bei OTTO alle Rollen und Führungsebenen und haben ein anderes Ziel ausgerufen: Innovation“, meint Dirk.

Raum zum Nachdenken und Ausprobieren schaffen

Für ihn ganz wichtig: Das Teilnehmerfeld möglichst divers und breit aufstellen. „Je unterschiedlicher, desto besser“, lautet die Erfolgsformel. „Bestehen die Teams aus Mitgliedern, die im beruflichen Alltag kaum Berührungspunkte miteinander haben und unterschiedliche Tätigkeiten ausüben, ist es die perfekte Mischung“, erklärt Dirk. „So existieren keine vordefinierten Rollen und Hierarchiestrukturen. Ich arbeite mit neuen Leuten ohne Selbstbeschränkung in rollenungebundenen Formen mit klarem Ziel zusammen.“ Das schafft Freiräume und fördert das Out-of-the-Box-Denken. „Viele erleben diese strukturarme Arbeit als hochgradig effizient und als Ansporn für die eigene Schaffenskraft“, sagt Dirk. „Sie ziehen daraus einen enormen Push und stärken ihren Selbstglauben, wenn es im Arbeitsalltag darum geht, Hürden zu überwinden und Innovation ohne Revolution freizusetzen. Hier entsteht der große Mehrwert des Formats für die eigenen Mitarbeiter.“

Was für Mitarbeiter cool ist, kann für Kunden noch besser sein

Unternehmen können diese kreative Power clever umwandeln. Wie? Bei den InnoDays von OTTO heißt es beispielsweise: Der Kunde zuerst! Viele Ideen drehen sich um Themen, die das Shopping-Erlebnis auf otto.de noch einfacher, noch erlebnisreicher und noch cooler gestalten. Andere Projekte befassen sich damit, wie interne Arbeitsprozesse bei OTTO noch effizienter werden. Auch echte Kunden sind Teil der Innodays, die am Ende ebenfalls die Projekte bewerten und einen eigenen Sonderpreis verleihen. Dass diese Prototypen am Ende nicht in der Ecke verstauben, dafür sorgt ein konkreter Fahrplan für die Siegerideen. Im besten Falle stehen am Ende sogar Budget und zeitliche Kapazitäten zur Verfügung, um diese weiterzuentwickeln.

Kontakt

Michael Strothoff
Volontär

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