„Die Kompensation der Emissionen ist lange nicht genug"
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„Die Kompensation der Emissionen ist lange nicht genug"

Unternehmen sollten alle klimaschädlichen Emissionen auf den Prüfstand stellen, so eine Expertin in Sachen Energieökonomie und Nachhaltigkeit

26.11.2019 Von Linda Gondorf Lesedauer: 3 Minuten
Prof. Dr. Claudia Kemfert ist Leiterin der Abteilung „Energie, Verkehr und Umwelt" am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und spricht im Interview mit uns offen über Klimaneutralität, Zertifikatekauf und Greenwashing

Ist Klimaneutralität von Unternehmen nur für das Image gut oder bringt es tatsächlich auch etwas?

Ernstgemeinte Klimaneutralität bringt natürlich etwas – dem Klima, aber auch dem Unternehmen. „Greenwashing“ aber fliegt früher oder später auf; dann ist das Vertrauen zerstört. Es ist also doppelt nachhaltig, aktiv von fossiler auf erneuerbare Energie umzusteigen und die eigenen Emissionen möglichst radikal zu reduzieren. Erst wenn das Unternehmen seine Emissionen partout nicht weiter senken kann, sollte man zur Kompensation in zertifizierte Klimaschutzprojekte investieren, beispielsweise in ein Biomassekraftwerk in Indonesien. Solche Projekte, egal wo in der Welt, verbessern unterm Strich die globale Klimabilanz.

Wie stehen Sie zum Instrument der Klimaneutralstellung durch Zertifikate?

Zertifikate stellen sicher, dass das Geld tatsächlich in Klimaschutzprojekten landet. Transparenz ist wichtig: Es muss sichtbar sein und kritisch überprüft werden, wohin Gelder fließen. Auch ich persönlich kompensiere seit zwei Jahrzehnten meine unvermeidbaren Emissionen und vertraue dabei auf Zertifikate.

Prof. Dr. Claudia Kemfert, Leiterin „Energie, Verkehr und Umwelt" am DIW Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind Chef*innensache!

Prof. Dr. Claudia Kemfert, Leiterin „Energie, Verkehr und Umwelt" am DIW

Welches sind die wesentlichen Aufgaben, die Unternehmen, vor allem der Onlinehandel, in Sachen Klimaneutralität vor dem Zertifikatkauf und der letztlichen gekauften Kompensation angehen müssen?

Zuallererst: Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind Chef*innensache! Dort laufen aus allen, und ich meine, allen Bereichen die Fäden zusammen. Klimaschutz muss aktiv gelebt und umgesetzt werden. Alle klimaschädlichen Emissionen müssen auf den Prüfstand: Sind die Produktionsprozesse energieeffizient? Werden erneuerbare Energien eingesetzt? Erfüllen Produkte Nachhaltigkeits-, Umwelt- und Sozialstandards? Und es müssen auch verbindliche Recyclingquoten umgesetzt werden.

Der Onlinehandel hat, was den Ausstoß von CO2-Emission angeht, in den kommenden Jahren noch viel zu tun. Glauben Sie, wenn Sie solche Nachrichten lesen, dass Unternehmen schon an der Schmerzgrenze der CO2-Einsparung angekommen sind?

Eindeutig nein. Der Onlinehandel nutzt die Potentiale bisher so gut wie gar nicht: erneuerbare Energie für die IT; Handelswege klimaschonendend mit der Bahn; Auslieferung zum*r Kund*in mit E-Fahrzeugen. Dass immer mehr Onlinehändler die Kompensation der Emissionen anbieten, ist ein Anfang, aber lange nicht genug. Auch die Kund*innenschaft ist da heute sehr viel sensibler und anschpruchsvoller als früher.

Um es einmal zu veranschaulichen: wie viele Bäume müssen gepflanzt werden, oder wie groß muss die Fläche sein, damit große E-Commerce-Unternehmen im Jahr klimaneutral sind?

Otto hat laut Bericht von 2018 50.986 Tonnen CO2 verursacht. Zum Ausgleich von nur einer Tonne CO2 müssen etwa 80 Bäume gepflanzt werden. Heißt: Otto müsste etwa vier Millionen Bäume pflanzen – jedes Jahr! Zweites Beispiel: Nach eigenen Angaben hat Zalando im Jahr 2018 247.841 Tonnen CO2 verursacht. Heißt: Zalando müsste knapp 19 Millionen Bäume pro Jahr pflanzen. Je nach Alter und Art kann man als einfache Daumenregel mal 1.000 Bäume pro Hektar veranschlagen. Zalando bräuchte demnach 19.000 und Otto 4.000 Hektar Fläche. Otto müsste jedes Jahr halb Sylt mit Bäumen bepflanzen, Zalando eine Fläche so groß wie München – jedes Jahr!

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