„Generation Unruhe" auf der Suche nach dem Sinn
Kultur im Digitalen

„Generation Unruhe" auf der Suche nach dem Sinn

Interview mit Millenial Activist Monika Jiang

30.8.2018 Von Nick Marten
Sie bezeichnet sich als Millenial Activist und gibt ihrer Generation eine Stimme, wenn es um die Zukunft der Arbeit und den sozialen Wandel geht. Wir haben mit Monika Jiang über die Sinnsuche der Generation Z, Verantwortung von Unternehmen und Werte der Konsumgesellschaft gesprochen.

Wenn du die Generation Z und die Millennials in drei Worten beschreiben müsstest, welche wären das?

Offen, orientierungssuchend, adaptiv.

Zuletzt wurden diese jüngeren Jahrgänge auch die „Generation Unruhe“ getauft. Was beunruhigt sie?

Sie reflektieren die Unstetigkeit unserer heutigen Lebenswelt. Aufgewachsen im Zeitalter von rapiden Technologien, Globalisierung, Klimawandel und einem Wirtschaftssystem, das nach dem Prinzip ‚Höher, Schneller, Weiter‘ funktioniert, tragen GenZ und Millennials eine stark verunsicherte Wahrnehmung ihrer selbst und ihrer Umwelt in sich.

Woher kommen diese „Wahrnehmungsstörungen“?

Durch Social Media wie Instagram, Snapchat und YouTube bekommen sie Zugang zu ‚ungefilterten‘ Einblicken und vermeintlichen Wahrheiten, die zusätzlichen Druck auf die eigene Person, Glaubenssätze und Erwartungen aufbauen. „Was will ich? Was kann ich überhaupt? Wie werde ich erfolgreich, und wie lebe ich mein Leben so, wie es sein sollte?“ Diese Fragen spiegeln die innere Unruhe und Unsicherheit wider, die angesichts der unendlichen Möglichkeiten heutzutage in einer generellen Orientierungslosigkeit resultieren.

Generation Z, Millenials & Generation Y

„Generation Z“, und „Millenials“ bezeichnet die Nachfolge-Generation der Generation Y. Ihre Mitglieder kamen von etwa 1995 bis 2010 zur Welt.

In einem deiner aktuellen Blogbeiträge richtest du dich an Unternehmen und sagst, dass diese jetzt die große Chance haben, mehr Verantwortung – auch für eine junge Generation – übernehmen zu können. Wie sollten sie das deiner Meinung nach tun?

In den meisten Schulen wird heute immer noch so unterrichtet wie vor 50 Jahren. Dabei haben sich die Anforderungen für die Lebens- und Arbeitswelt, besonders durch den Einfluss von Digitalisierung und Globalisierung, stark geändert. Deshalb möchte ich Unternehmen dazu auffordern, sich den verborgenen Talenten der jungen Generation anzunehmen – denn sie sind die ‚Leader‘ und Kunden der Zukunft.

Und damit ein Indikator, wie wir morgen leben.

Ganz genau. Sowohl die ‚purpose-driven‘ Haltung zur Arbeitswelt, das veränderte Konsumverhalten in Richtung Nachhaltigkeit und Bewusstsein, der natürliche Umgang mit digitalen und sozialen Medien als Informations- und Kommunikationsmittel und die interdisziplinäre Herangehensweise an Problemlösungen sind alles Anzeichen und Auslöser für die zukünftige Ausrichtung von Unternehmen, Marken und damit auch der Gesellschaft.

Wie profitieren Unternehmen von der GenZ?

Auf der einen Seite wecken junge Generationen das ‚Warum‘ der Unternehmen wieder auf, in dem sie den Status Quo in Frage stellen und nach stärkerem gesellschaftlichen Engagement verlangen. Gleichzeitig versuchen sie, Probleme ganzheitlicher und im Kontext von Globalisierung zu lösen und nicht singulär zu betrachten. Diese und mehr ‚rohen‘ Eigenschaften und Herangehensweisen können Unternehmen wichtige Einblicke darüber geben, was sowohl zukünftige Mitarbeiter, Führungskräfte und Konsumenten als relevant verstehen – und wie nachhaltig wirkungsvolle Innovationen kreiert werden können.

Hierbei können etabliertere Unternehmen gerade die Jungen an die Hand nehmen und sie dabei unterstützen, universelle Zukunft-Skills wie emotionale Intelligenz, Problemlösung, kritisches Denken, Konfliktfähigkeit und Gesprächsführung auszubilden – durch und neben der fachlichen Kompetenz.

Wie lässt sich die GenY zusammengefasst charakterisieren?

Wie bereits erwähnt, ist die aus der inneren Unsicherheit entstandene Frage nach der Sinnhaftigkeit ein entscheidendes Merkmal. Aber auch der Wunsch nach Teilhabe und Teilen. Die Generation möchte ihren Beitrag für eine gemeinsame Mission leisten, praktiziert adaptives Lernen und offene Wissensteilung. Interdisziplinäre Kollaboration geht einher mit offener Kommunikation. Auch, wenn der Fokus auf persönlicher Weiterentwickung und Wachstum liegt, ist das Bedürfnis, einer gleichgesinnten Community anzugehören, stark ausgeprägt.

Monika Jiang Die Entscheidung für einen Arbeitnehmer oder ein neues Produkt basiert heute nicht mehr nur auf dem reinen Profit oder der Performance, sondern muss vor allem die Frage beantworten, ob ich mich mit den Werten des Unternehmens identifizieren kann.

Monika Jiang, Millenial Activist

Stichwort E-Commerce: Welchen Wert und welche Bedeutung haben Konsum und Kommerz für die Jungen?

Wer heute Anfang 20 ist, ist mit Ebay und Amazon aufgewachsen und damit mit einem Gefühl der ständigen Verfügbarkeit von Konsumgütern. Ähnlich wie sich das heutige Statussymbol auf ‚bereiste Länder‘ statt ‚Autos und Haus‘ verändert hat, gilt beim Thema Konsum vor allem Convenience und Accessibility, statt Luxusmarken und Exklusivität: Bequem sollte es sein und verfügbar.

Hinzu kommt die Bewegung hin zur Sharing Economy und Nachhaltigkeit, bei der wiederum der Komfort und die Flexibilität einen höheren Wert einnehmen, statt der Besitz des Produktes an sich. Betrachtet man die deutsche Überflussgesellschaft, bedeutet das für den E-Commerce Markt, sich kritisch mit Fragen wie: „Wird dieses Produkt tatsächlich von unserer Zielgruppe gebraucht und genutzt?“, „Welchen Wert hat es?“ oder „Wie lässt es sich möglichst nahtlos in die Lebenswelt der Zielgruppe eingliedern?“ auseinanderzusetzen und Antworten zu präsentieren.

Kommt Handelsunternehmen hierbei eine besondere Verantwortung zu?

Sowohl aus Mitarbeiter- als auch aus Konsumentensicht sollten sich Handelsunternehmen mit den Bedürfnissen, Werten und den damit verbundenen Ursachen auseinandersetzen. Die Entscheidung für einen Arbeitnehmer oder ein neues Produkt basiert heute nicht mehr nur auf dem reinen Profit oder der Performance, sondern muss vor allem die Frage beantworten, ob ich mich mit den Werten des Unternehmens oder der Marke identifizieren kann. Im Handel betrifft das die gesamte Kette von Produktion über Distribution, Vermarktung und Kauf. Als Handelsunternehmen sollte ich also wissen, wie sich die Werte, und damit auch der übergeordnete Sinn und Zweck meines wirtschaftlichen Wirkens, stringent nachvollziehbar und sichtbar machen lassen.

Kontakt

Nick Marten
Corporate Spokesman

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